Montag, 8. Dezember 2014

Digitale Kompetenz

Hallo und gu­ten Tag! Hier bloggt eine Dol­met­scher­in und Über­setzerin. Auch im achten Jahr des Bestehens meines Blogs erlaube ich mir den subjektiven Blick auf die Welt der Sprachen.

Scheibe einschlagen und Knopf drücken
Was macht die Dolmetscherin, wenn sie nicht in der Kabine sitzt? Sie wird gesund, macht die Buchhaltung, lernt auf neue Einsätze, erholt sich von geschlagenen Schlachten, informiert sich. Dieser Tage war ich auf einer Konferenz über Bildung, Internet und Bib­li­o­theks­we­sen. Zufällig traf ich dort einige Auf­trag­ge­ber, die mich ein wenig erstaunt an­sa­hen à la "Was ma­chen Sie denn heute hier?"

Nun, auch Dolmetscher bilden sich weiter. Die Veranstaltung war super, nur in der Pause musste ich leiden. Eine Dame kam auf mich zugeschossen, sie hatte sich mein Gesicht wohl auf irgendeinem Fes­ti­val ein­geprägt.

Zum Beispiel auf der Berlinale. Dort war ich zwischen 2000 und 2013 sichtbar als Dolmetscherin tätig, seither ar­bei­te ich in den Kulissen. In dieser Art öf­fent­li­chen Arbeitens lernen die Publikumsgäste uns vom Sehen recht gut kennen, was um­ge­kehrt nicht zutrifft, denn bei der Arbeit sind wir zu konzentriert, um uns Gesichter aus dem Saal merken zu können (die wir oft der Lichtverhältnisse wegen ohnehin nicht sehen).

Ihr Konterfei, das in der Kaffeepause meiner "Fortbildung" in mein Leben he­rein­brach, werde ich jedenfalls so schnell nicht vergessen. Sie baute sich vor mir auf, ihr Kopf war puterrot, und mit ihrer Schnappatmung hatte ich kurz die Sorge, sie könne vor mir ob der übergroßen Enerviertheit in Atemnot geraten oder aus den Pumps kip­pen, sollte jemand auf die Idee kommen, die Tür zur Terrasse un­vor­sich­ti­ger­wei­se abrupt zu öffnen, so sehr schwebte sie kurz über Bodenhaftung.

"Sie, hören Sie, jetzt haben Sie mich aber wirklich enttäuscht! Da war immer wie­der von 'numerischer Lateralität' die Rede, und ich kann ja nur ahnen, was damit gemeint sein soll, bis jetzt eben mich im Pausengespräch jemand darüber aufklärt, dass in der letzten Stunde über digitale Kompetenz gesprochen wurde. Da müssen Sie aber wirklich ein bisschen besser aufpassen!"

Zum Glück blieb ihr die Luft dann wirklich kurz weg, so dass ich vorsichtig ein­wen­den konnte, gar nicht in der Kabine gewesen zu sein, dass uns aber im Feuer des Gefechts immer mal ein Begriff plötzlich fremd erscheinen kann oder dass er auf­grund schlechter akustischer Bedingungen ..."

Ich biss mir auf die Lippen. Die digitale Kompetenz — la littératie numérique — war in der Tat der Hauptbegriff der letzten Sitzung vor der Mittagspause gewesen. Und der Begriff Literacy taucht unter Bildungsplanern, Soziologen und derlei re­gel­mä­ßig auf, es ist die erweiterte Lese- und Schreibkompetenz, die Sinn­ver­ständ­nis, Quellenkritik, Wissen um Traditionen und Formen sowie einen vertrauten Umgang damit einschließt.

Und wo kommt das akustische Notsignal her?
Erst schimpfte sie einen Mo­ment lang weiter, bis meine Worte endlich den Weg in Ihren Kopf fanden.

Sie unterbrach sich: "Wie, Sie waren das gar nicht? Ach so! ... Da bin ich aber beruhigt! Sonst hätte auch mein Welt­bild schwer gelitten. Also SIE haben ja eigentlich immer die Begriffe parat und deutschen nicht einfach nur grob ein."

Ich bedankte mich und war froh, als sie fort war. Und sogleich habe ich mich über mich selbst geärgert, über meine mangelnde Schlagfertigkeit, um genau zu sein. Ich hätte der Dame raten sollen, mit ihrer Bemerkung zu den Veranstaltern zu gehen. Aber meine mangelnde Spontaneität geht auch auf vornehme Zu­rück­hal­tung zurück, Kollegen gegenüber, die uns auf diplomatischem Parkett erfahrenen Dol­met­schern gewissermaßen zur zweiten Natur geworden ist.

Später ließ ich mir auch einen Kopfhörer geben. Was ich hörte, war leider sogar noch merkwürdiger. Wenn jemand public domain mit "öffentlicher Domäne" ver­dol­metscht, hat er oder sie nicht nur keine Hausaufgaben gemacht, sondern kennt sich grundsätzlich nicht in Urheberrecht und Internet aus. Die ge­mein­frei­en oder oder nicht-schützbaren Inhalte waren jedenfalls Gegenstand eines anderen Panels des Tages gewesen.

Hm, was war passiert? War eine Dolmetscherin erkrankt und jemand ohne Vor­be­rei­tung eingesprungen? Die Liste der Verhinderungsgründe aus dem Film Amélie de Montmartre fiel mir ein, frei variiert: Von tschetschenischen Frei­heits­kämpfern entführt, einen Pilz im Ragout gehabt, der einen 48 Stunden lang durchschlafen lässt, oder mit Haustier versehen, das so am Kalender genagt hat, dass das heutige Datum erst morgen erscheint?


EDIT: Hier geht's zu einer Art Fortsetzung — 1. akustische Situation und 2. Nachdenken über das Internet und einige Begriffe.
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Fotos: C.E.

3 Kommentare:

Th. hat gesagt…

Hi Caro,

auf der Veranstaltung war ich auch! Aber offenbar zu anderen Uhrzeiten als Du. Ich kam morgens etwas später an und musste nach dem Essen wieder in die Uni, Seminar abhalten gehen.

Figer le contenu du web heißt jedenfalls nur höchst holprig übersetzt "Netzinhalte festhalten". Wie würdest Du das übersetzen?

Und travail éditorial? Auf jeden Fall nicht die "Arbeit des Editorialisierens" oder die "editoriale Verarbeitung"!

Dann gab es noch le flux des conversations, hm, "der Strom der Gespräche"?

Aber "digitale Governance" für gouvernementalité algorithmique passt, das ist das Denglish, das leider nun mal gesprochen wird.

Schade, dass Ihr nicht in der Kabine gewesen seid, dann hätte ich jetzt Eure Lexika, vernünftige Notizen und nicht diese Sucharbeit. Es gab auch Partien, da war nichts zu verstehen (und ich war nicht mehr da), also jedenfalls den Mitschriften von zwei Deutschen nach zu urteilen, die kein Französisch können, vielleicht waren alle am Ende des Tages auch kaputt, im Publikum und in der Kabine, und zu wenig Dolmetscher angeheuert.

Ach so, gräm' Dich nicht, ich weiß, Du nimmst solche Sachen immer persönlich.
OOOOMMMMMMM! In zehn Jahren lachst Du darüber! Was sag' ich? In fünf!

Herzlich,
Th.

caro_berlin hat gesagt…

Mensch, das nenne ich perfekt verpasst! Ich war morgens da, dann durfte ich mit einem Architekten über eine Baustelle turnen, dann ab der Nachmittagskaffeepause.

Danke für Dein P.S.! Du kennst mich gut, diese Sachen setzen mir zu. Ich weiß nicht, warum wir den Kunden verloren haben, das ist ja schon 2013 passiert. Ich vermute mal, wir waren zu teuer, vor allem, weil wir ja ab sechs Stunden netto lieber zu dritt arbeiten.

Ich muss Dich leider bitten, Dich mit Deinen Fragen an die Veranstalter zu wenden … und denen zumindest Deine Vorbehalte höflichst vorzutragen. Wenn ich mir nach solchen Veranstaltungen die Lippen fast blutig beiße und bemüht lächelnd, wie ich diese Situationen hasse!, meine Visitenkarte überreiche, dabei etwas à la "Fachdolmetscher" in den nicht vorhandenen Damenbart nuschle, bekomme ich gern schon mal ein: "Wir haben keinen Bedarf, es gab ein exzellentes Feed back!" als Antwort.

Mich macht so etwas sprachlos. In der Industrie und der Wirtschaft nehmen sich alle Kunden zwischendurch mal Kopfhörer und checken die Dolmetschung. Sobald etwas unter dem kulturellen Label firmiert, wird das mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit 'vergessen'.

Zu Deinen Fragen überlege ich mir was zu Mittwoch. Reicht das? Erste Ideen habe ich schon. Aber mir wäre wirklich lieb, Du würdest die Veranstalter ansprechen.

Arbeitsliste
figer le contenu du web
travail éditorial
le flux des conversations

Und ich hoffe eigentlich, schon nächstes Jahr darüber lachen zu können. Rira bien qui rira le dernier, das ist zum Glück mal nicht kompliziert zu übersetzen ;-)

Bonne soirée,
Caro

caro_berlin hat gesagt…

Meine Mutmaßungen kommen schneller als gedacht, leider fehlt hier der Zusammenhang,
figer le contenu du web
könnte "Screenshot der Seite" bedeuten oder "Sichern des Contents" ("sichern" von "Sicherungskopie anfertigen"), denn das französische contenu kommt vom englischen content, auf Deutsch verwenden wir den englischen Begriff. Das dann mit "Inhalte" zu übersetzen, ist innerhalb dieses semantischen Feldes nur halb richtig (als Synonym OK).

travail éditorial — etwas mit "redaktionell bearbeiten", "redaktionell einbinden" (von Links) ...

le flux des conversations — hier möglicherweise "Chatprotokoll"

Hilft das?