Freitag, 23. Juni 2017

Papierstau im Kopf (alias Schreibtisch XXXXII)

Hallo, herzlich willkommen auf den Seiten des ersten Blogs Deutschlands aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Heute: Blick auf den Schreibtisch.

Berlin als Rückzugsraum für Bienen
Aus einer Mail an einen Film­pro­du­zenten: "An der Politik bin ich manchmal zu nah dran. Da geht es nicht immer erkennbar voran. Deshalb freu ich mich über jeden Filmjob: Kunst! Und erwäge manchmal, ins Schreiben zu­rück­zu­keh­ren (nicht nur von Kinderbüchern). Ich bin der­ma­ßen up to date … und täglich droht der Pa­pier­stau im Kopf."

Was liegt gerade auf dem Schreibtisch? Große Vielfalt: Ver­kehrs­lo­gis­tik in Europa, Deradikalisierung, urbanes Landwirtschaften, artengerechte Schwein­ezucht, Af­ri­ka­po­li­tik des G20, Burkina Faso; in weiter Ferne winkt ein Dreh­buch.

Ich lese mal ein wenig meine Presseclippings mit den Händen auf der Tastatur.

Coralie Schaub macht sich heute in Libération Sorgen um die Bienen. Auch der (an­ste­hende? wie weit sind die?) Deal mit Bayer und Monsanto treibt sie um. Den an­de­ren großen Riese der Branche, die Schweizer Syngenta, hat ChemChi­na gerade aufgekauft. Diese Konzentrationen sind keine guten Vorzeichen.

Einschub: Denn Firmen, die sich der „Verbesserung der Nahrungssicherheit“ ver­schrei­ben (Syngenta-Eigenwerbung), trachten immer mehr danach, die Märkte zu do­mi­nie­ren. Sie ignorieren aus Gewinnerzielungsabsichten die biologischen Grund­la­gen, die uns in der 5. Klasse beigebracht wurden: Pflanzen reagieren auf ihren Standort. Bodenbeschaffenheit, Licht, Wärme, Nachbarschaft, Dünger, Häufigkeit der Wässerung sind die wesentlichen Faktoren. Hybridsaatgut widerspricht grund­le­gend dem Ge­dan­ken, dass sich Pflanzen über Generationen an ihren Stand­ort an­pas­sen. Dabei sind wir Menschen selbst doch der Beweis für die Funktionsweise der Natur. Außerdem ignoriert diese Chemie zuverlässig so ziemlich alles andere, was zum Aufrechterhalten einer gesunden Umwelt und der Si­cher­stel­lung der Er­näh­rung der Menschheit wichtig ist: Pflanzen- und Artenvielfalt. Ende des Einschubs.

In Libération fordert die Journalistin, dass die Menschheit endlich auf die Wis­sen­schaft hören solle und Neonikotinoide genauso verbieten wie Glyphosat (die ak­ti­ve Substanz in Mosantos RoundUp). Die Behörde für europäische Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit (EFSA) habe längst neue Verfahrensprozesse der Risikofolgenabschätzung eingebracht, die allerdings noch nicht in die Politik eingegangen seien. Am wich­tigs­ten sei es aber, sich von der industriellen Landwirtschaft wegzuentwickeln. Agroökologie werde von immer mehr Fachleuten, darunter auch der frühere Mi­nis­ter Stéphane Le Foll, als der einzige Ausweg aus dem Dilemma von Arten- und Bie­nen­ster­ben, Grundwasserverschmutzung, sterbenden Böden und Erosion gesehen.

In Frankreich habe sich dieser Tage die Umweltverschmutzung in Verbindung mit der ersten großen Hitzewelle des sommers als „tödlicher Cocktail für die Bienen“ erwiesen, so Henri Clément, Sprecher des französischen Bienenzüchterverbands Union nationale de l’apiculture française (Unaf). Der durchschnittliche Verlust der Bienenvölker liege derzeit bei 30 Prozent, es gebe in einigen Regionen Zahlen von 50 bis 80 Prozent. Das Phänomen Bienensterben dauere bereits einige Jahre an. Noch nie hätten Imker in Frankreich so wenig Honig geerntet wie im vergangenen Jahr, 9.000 Tonnen. Zum Vergleich: Frankreich war bis 1995 das wichtigste Bie­nen­land Europas und lag bei einer Jahersproduktion von 32 bis 33.000 Tonnen.

Der Klimawandel bringe nicht nur neue Feinde ins Land wie die Hornissenart Vespa velutina (frelon asiatique), sondern verkürze signifikant den Winter. Darauf spät einsetzende Frosttage bis Wochen (dieses Jahr bis April/Mai) gefährdeten dann die Bienen. Zunehmender Nordwind würde die Blumen austrocknen, die große Hitze die Blüten verbrennen, was schlimme Folgen zeitigte. Insgesamt sei seit 2003/04 die Phase der Blumenblüte stark verkürzt. Die anderen südlichen An­rai­ner­staaten des Mittelmeeres stünden vor den gleichen Problemen.

Soviel zum Thema aus der französischen Tageszeitung Libération. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) schlägt in eine ähnliche Kerbe. "Auf Feldern stirbt die Natur aus" titelt Teresa Dapp auf der SVZ.de-Seite am 20. Juni. Das Bundesamt be­ob­ach­te, dass ganze Biotope verschwinden und die Populationen der Insekten und Vögel ra­pi­de abnehmen würden, die industrielle Landwirtschaft mit ihren bis auf die letzte Ecke ausgereizten Monokulturen würde ihnen Lebensraum und Futter neh­men. Nur ein Beispiel: Von den beobachteten 560 Wildbienenarten seien mehr als 40 Prozent gefährdet. Auch die EU-Förderungen stünden derzeit nicht für Di­ver­si­tät. Fazit: Eine Agrarwende müsse Tiere und Umwelt retten. Die Präsidentin des Bundesamts, Beate Jessel: "Statt weiter auf die ex­port­orien­tie­rte Land­wirt­schaft zu setzen, brauchen wir eine bäuerlich-ökologische Agrarwende — weg vom Welt­markt, wieder hin zum Wochenmarkt.“

Die Dolmetscherin kommentiert: Bei den Vorbereitungstreffen zum G20, Sektion Afrika, Bevölkerungszuwachs, Lebensmittelsicherheit und die Schaffung regionaler Arbeitsplätze, war das nahezu wortgleich das Résumé der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer.

In meinem Übersetzer-/Dolmetscherbüro informiert mich wenig später eine Mail, dass eine Million Unterschriften in Europa für das Verbot von Glyphosat zu­sam­men­ge­kom­men sind. Zitat: "Noch nie hat eine Europäische Bürgerinitiative (EBI) in­ner­halb von vier Monaten die Million geknackt!" Das klingt gut! 

In Berlin gibt es viele Rückzugsgebiete für Arten, aber auch hier sind die Ver­än­de­run­gen augenfällig. Als wir vor 20 Jahren hier hergezogen waren, hatten wir mal vergessen, die Balkontür zu schließen und dann Licht angemacht. Nach zehn Mi­nu­ten war der Raum voller Getier (nee, die frisch gemalerten Wände). Damals gab es noch wunderliche Riesenlibellen in der Stadt. Heute kann ich stundenlang bei of­fe­ner Balkontür sitzen und nichts passiert. Nichts. Diesen Sommer gibt's sogar kaum Mücken. (Das ich darüber mal klagen würde!)

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Foto: C.E.

Donnerstag, 22. Juni 2017

Der Eisberg

Ob geplant oder zufällig: Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Marseille, Heidelberg und dort, wo man mich braucht.

Mit Eisbergen kann man sich vertun. Vom Wasser aus können manche wie Eis­schol­len mit Spitze drauf wirken. Das Zentral­bild des Scheiterns unserer in­dus­triel­len Ge­sell­schaf­ten ist untrenn­bar mit einem Eisberg ver­bunden: die Titanic. Während ich den Namen des Schif­fes schreibe, kom­men die Buchstaben ins Rut­schen, merke ich, dass ich einen untergehenden Schriftzug sehe wie auf dem Cover der Satire­zeit­schrift und nichts anderes. Passt gut zur Unter­titel­theorie: Dass nämlich die Buch­staben, die das Wort "Haus" bilden, als Schriftbild das Gebäude evozieren, so jedenfalls Unter­su­chun­gen darüber, welche Hirnpartien beim SEHEN (und nicht beim Lesen) von Unter­titeln in den Ge­hir­nen versierter Filmseher feuern.

Dazu passt die Beobachtung, dass bei Vertippern das Gehirn automatisch kor­ri­giert, sofern Anfangs- und Endbuchstaben stimmen. Deise Thoerie bewiest deiser kielne Vesruch durchuas gnaz deultich.

Ein Wort, eine Visuali­sierung, ein ganzes Hinter­land an Verknüpfungen, An­spie­lungen und Fakten, so funktionieren menschliche Köpfe, genau das werden Ma­schi­nen nicht übernehmen können, das ist nicht in Einsen und Nullen fassbar. Und in diesem Hinter­land liegt 80 oder mehr Prozent unserer Arbeit als Dol­met­sche­­rin­­nen und Dolmetscher. Wir müssen uns ein­lesen, die Fakten aktiv abfragbar parat be­kom­­men, als stünden wir dem­nächst vor einer Prüfung.

Die Dolmetscheinsätze sind Prüfungen.

Oberhalb der Wasseroberfläche: Der Dolmetscheinsatz (ist nur die Spitze des Eisbergs). Unterhalb: Vorbereitungsmaterial für diesen Einsatz, einschlägiges Fachwissen; tiefere Wasserschicht: Allgemeinbildung, Fortbildung, Stressresistenz, Erfahrung, Dolmetschtechniken, Stimmschulung, Gedächtnis & Gehör; Tiefsee: Sprachkenntnisse.
Durch Anklicken vergrößern
Hier links, wie sich das mit dem Eisberg in meinem Beruf verhält. Wir Dolmetscher allerdings fühlen uns in der Arbeit immer öfter durch Unwissenheit der Kunden be­droht, die nicht genau hinhören wollen, wenn wir erläutern, was wir brauchen, und denen das Internet vorgaukelt, alles und alle seien rund um die Uhr überall zu buchen. Echte Dolmetscher haben lang an den Grundlagen gearbeitet und sie sind ständig dabei, diese Grundlagen aufrecht zu erhalten.
Sichtbar wird nur ein kleiner Teil dieser Arbeit, was diese allgemeine Unwissenheit (gepaart mit echter Bewunderung, die uns regelmäßig zuteil wird) sicher zum Teil erklärt.

Die immer schneller werdenden Alltagsrhythmen und die Reduzierung von Spe­zia­li­sie­run­gen in den Büros tragen auch dazu bei. (Früher wurden wir vom Chef und der Chefsekretärin gebucht, heute gibt es kaum noch echte Sekretariate, son­dern "As­sistenzen" und "Kostenstellen" mit hoher Fluktuation).

Und weil ich nicht mehr jedes Mal aufs Neue alles wortreich erklären möchte, die Zeit nutze ich doch lieber zum Lernen, habe ich zum Pinsel gegriffen. 

So wird visuell klar: Fehlt das Fachvokabular des Kunden, kippt die Spitze genauso zur Seite weg, wie wenn Grundlagenwissen fehlt. Dolmetschen ist halt mehr als das Austauschen von Wörtern, von Einsen und Nullen.

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Illustration: C.E.

Mittwoch, 21. Juni 2017

Nen Korb kriegen

Bonjour, hello und guten Tag! Hier können Sie Innenansichten aus dem Dol­met­scher­all­tag lesen. Derzeit pauke ich für die nächsten Einsätze und jongliere die Herbst­ter­mine. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch (Ausgangs- und Ziel­sprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Dolmetschen ist gefährlich. Der geis­ti­ge Leistungssport konserviert nämlich ganz gut. Da kann sich dann ein Au­ßen­ste­hen­der schon mal vertun.

Ingwer (gerieben), Zitrone, Tee
Passt zu jeder Jahreszeit (im Sommer gekühlt)
Gestern habe ich 'nen Korb bekommen. Ich löse es gleich auf: einen Präsentkorb. Ein Kunde hatte in seinen Un­ter­la­gen stehen, dass ich Gol­de­ne Hochzeit feiern würde. Seit 60 Jahren soll ich ver­hei­ra­tet sein. Ja, wir Dol­met­sche­rin­nen können gar viel und Dolmetschen hält sicher auch sehr jung, aber prä­na­tale Verehelichungen sind mir nicht bekannt.

Ich hab beim Kunden angerufen. Die Assistentin rang um Worte und gratulierte mir dann zur Silberhochzeit. Auch nicht. Nicht mal 'nen runden Geburtstag gibt's heuer zu feiern (außer bei einem der Brüder). Ich frug alsdann, an welche Adresse ich das Körbchen weiterschicken dürfte. Die Antwort war schräg: "Ach, behalten Sie ihn einfach, für die Unannehmlichkeiten!"

So lasse ich mich gerne stören. Zum Jahreswechsel trafen hier wiederholt schon kleine Aufmerksamkeiten ein, Fressalienkörbe werden gerne genommen, Kalender und Schreibmaterial auch. Besonders haben mich Konzertkarten gefreut, ich höre gerne Klassik und Jazz.

Neulich haben wir für ein Industriebauunternehmen gedolmetscht. Ob ich an­schlie­ßend einen Baustellenhelm bekommen hätte, will ein Freund von mir wissen. Nein, nichts derlei. Dafür ein halbes Pfund Kaffee vom nächsten Kunden. Das war aber kein Wink mit dem Zaunpfahl von wegen: "Wach mal auf!" Wobei man mir bei mei­nem Alter, man traut mir offenbar die Ü-80-Liga zu, das eine oder andere Mit­tags­schläf­chen durchaus gönnen wird, oder?

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Foto: C.E ("Liberté als Kaffee")

Dienstag, 20. Juni 2017

Bitte mehr Kontext!

Bienvenue auf Blogseiten aus der Welt der Sprache. Wir Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher werden gerne mal von unserem Umfeld mit einem wandelnden Wörterbuch verwechselt. Dabei vergessen die Frager, dass ihnen auch ein Wörterbuch in der Regel mehrere Lösungen anbietet.

"Was immer das auch sein mag, ich soll es nur übersetzen." So kündigt eine Freun­din, die mal ein Jahr lang in Frankreich gelebt hat, per Textnachricht eine Vo­ka­bel­fra­ge an, die ihr gestellt worden ist. Und dann kommt's: "Was bedeutet re­join­dre auf Deutsch? Kannst du mir die beste Übersetzung in einem Wort wenn möglich schnell zu­sen­den?

Grafik mit unterschiedlichen Ausdrucksweisen (Buchstabentypen)
Sprache ist komplex
Nein, kann ich nicht. Im Rigorosum be­deu­tet es möglicherweise, dass sich ein Prü­fer der Meinung eines anderen an­schließt. Fährt oder wandert jemand einer anderen Person oder Gruppe hin­ter­her, kann auch das Wort rejoindre gebraucht werden, al­so "hin­ter­her­rei­sen" oder (ein Bum­me­lant) kann "aufschließen". Ein Land wird mög­li­cher­wei­se einer Länderunion "bei­tre­ten", rejoindre, eine Schülerin kommt in eine neue Klasse. Nach der Filmpremiere steht es für "zu­sam­men­kom­men", das Team "treffen".
Der Urschrei vieler Übersetzer lautet: "Kon­text!" Ich rufe ihn auch meistens in Beantwortung irgendwelcher Vo­ka­bel­an­fra­gen.

Übersetzerschicksal.

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Illustration: C.E.

Montag, 19. Juni 2017

Über politische Partizipation

Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für Französisch (und aus dem Eng­li­schen). Heute ein Gastbeitrag über Frankreich mit indirekt kom­men­tie­ren­dem Nachhall aus einem anderen Land. Es schreibt Raffael Sonnenschein, Bür­ger­recht­ler und Gründer von VETO – Dachverband und Gewerkschaft der eh­ren­amt­li­chen Flücht­lings­hel­fer*innen Deutschlands. Raffaels Motto: "Zwischen den Zeilen nehme ich alles wortwörtlich".

Stell' Dir vor es wäre Bundestagswahl und von 48 Millionen Wahlberechtigten gehen 29 Millionen Menschen einfach nicht hin?

Leserinnen am Ufer
Junge Wähler mit Büchern
57 % der Wahl­be­rech­tig­ten ha­ben in Frank­reich ges­tern nicht ge­wählt. Liebe Par­la­men­ta­rier, der Draht zu den Völkern scheint endgültig ver­lo­ren.
Es geht gar nicht um rechts oder links, sondern um die ganz unten. Im Land der Aufklärung und Demokratie-Vorbild für Europa liegt die Demokratie schwerverletzt auf der Intensivstation.

Wollen Sie die Patientin retten? Hier fünf gutgemeinte Empfehlungen:
1. Keine Berufspolitiker. Nach zwei Wahlperioden ist für Abgeordnete Schluss.
2. Diäten deckeln. Das Gehalt der Abgeordneten ist nicht mehr verhältnismäßig.
3. Ämterhäufung unterbinden. Kein Mensch kann fünf Jobs gleichzeitig angemessen meistern.
4. Lobbyisten offenlegen. Kein Zugang für Lobbyisten in die Parlamente.
5. Ohne Transparenz kein Vertrauen. Wenn Videokameras im öffentlichen Raum, dann aber auch in allen Gremien und Parlamenten, ob Kreistag oder Kom­mu­nal­aus­schuss.
6. Mehr Zivilgesellschaft. Mehr Bewegungen in die Parlamente zulassen statt star­rer Gebietsansprüche der Volksparteien.
7. Werte statt Flaggen hochhalten.

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Und jetzt schauen wir noch kurz nach Großbritannien. Dort hat die Brexit-Ent­­schei­dung, die zum Großteil auf ältere Wähler zurückging, offenbar eine neue Ge­ne­ra­tion politisiert, denn 72 Prozent der jungen Leute sind am 8. Juni zu den Ur­nen gegangen. Über die Situation in Großbritannien ("drei Geschichten des Schei­terns"), sein neues Buch, die Rolle der Presse und Veränderungen der Sprache so­wie zum Thema USA äußert sich Englands berühmtester Deutschlehrer. Die Rede ist von John Le Carré. Er sagt über das Sprachenlernen: "Jemandes Sprache zu lernen bedeutet, jemandes Territorium zu betreten. Es bedeutet, dessen Kultur zu ver­ste­hen. Es ist, wie eine Hand auszustrecken."

Hier ausnahmsweise am Montag mein verspäteter "Link der Woche": Marion Löhn­dorf im Gespräch mit Bestsellerautor John le Carré: "Wir müssen Leute wie Trump schlagen, solange sie im Aufstieg sind".

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Foto: C.E.

Sonntag, 18. Juni 2017

Work In Progress (WIP)

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wie Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten, können Sie hier mitlesen. Meine Arbeitssprachen sind (neben Deutsch) Französisch und Englisch (das Idiom Shakes­peares nur als Ausgangssprache). Heute: Sonntagsbild!

Etliche meiner Dateien enden auf _WIP.docx, was bedeutet, dass etwas noch in Ar­beit ist. Derzeit kommt mir mein ganzes Leben vor wie ein WIP-Programm. Sel­ten waren so viele Baustellen parallel. Daher ist es hier derzeit etwas stiller.

Aquarellfarben, Pinsel, Block
Auf dem Beistelltisch, rechte Illustration vom Februar
Es geht um Dienstreisen, Ein­satz­pla­nung für den Herbst, die letzten großen Aufträge der Saison, das Anschieben derjenigen, die mich vor der Sommerpause beschäftigen werden, Spätfrühjahrsputz in der Wohnung (mit gründlicher Umgestaltung), Sport­pro­gramm (Muckibude!) und der eine oder andere Kleiderkauf, was für mich immer Stress bedeutet.

(Ich glaube, ich kann besser Zeichenutensilien kaufen.) Warum das mit der Gar­de­robe? Die ersten hochoffiziellen Sommertermine stehen an und bislang hatte ich, da Konferenzdolmetschen ein Saisongeschäft ist und uns überwiegend im Frühjahr und im Herbst beschäftigt, vor allem Übergangsmode als Businessdress im Schrank hängen. 

Last but not least steht wie in jedem Jahr einmal die Technikwartung an. Die neue externe Festplatte nervt allerdings. Sie ist super, sehr groß und doppelt im Ge­häu­se, aber ich muss erst lernen, wie sie formatiert wird. Und natürlich stolpere ich über eine total mies übersetzte Bedienungsanleitung.

Zugleich zuckt es mir wieder in den Fingern, ich möchte, wie im Sommer und im Win­ter üblich, an eigenen künstlerischen Projekten weiterarbeiten. Also habe ich mir an einem Marketingtag erlaubt, mit den Aquarellfarben zu spielen. Das Er­gebnis folgt demnächst hier.

P.S.: Auch gewisse aktuelle Themen halten mich vom Bloggen ab. Beim Großfeuer in London war mein erster Gedanke, dass das Material der Wärmeisolierung hier wie ein Brandbeschleuniger gewirkt hat. Fachleute warnen seit Jahren davor. Und auch in Sachen eines großen diese Woche Verstorbenen halte ich viele Nachrufe für zum Teil geschichtsvergessen. Oder liegt es schlicht an meinem Alter?

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Foto: C.E.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Fijumpfe

Bonjour, hello und guten Tag! Hier können Sie Innenansichten aus dem Dol­met­scher­all­tag lesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch (Ausgangs- und Ziel­sprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Bemerkenswert sind manchmal Momente, die nur wir mitgekommen.

Der Raum im Hotel ist für 40 Teilnehmer bestellt, genau 40 Stühle stehen hier an den Tischen. Die Dolmetscher wurden vergessen. Wir werden wieder außerhalb der Kabinenwände tätig, brauchen aber durchaus ein Minimum an Material.

Zum Glück ist für uns ein Betreuer zuständig, Kellner und gute Fee in Per­so­nal­union: Er legt Kabel (und klebt sie ab), schleppt den Tisch und Stühle herbei, bringt Getränke und Zugangscodes zum Internet. Er hilft sogar beim Einloggen. Es ist entzückend: "Hier eintRRRagen. Ich kann voRRRsagen: fijumpfe, nulle, achte, noine!"

Unser Engel stammt hörbar aus Italien. Da Italienisch die Großmuttersprache mei­ner Kollegin ist, plaudert sie ein wenig mit ihm auf Italienisch. Für die nächs­ten Tage erhalten wir durch ihn ein Maximum an Aufmerksamkeit! Mille grazie!

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Foto: wird nachgetragen

Dienstag, 6. Juni 2017

Gekrösë

Hallo! Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin aus Paris, Berlin und von unterwegs. Ich arbeite mit Französisch und Deutsch sowie aus dem Englischen. An dieser Stelle berichte ich, wie diese Arbeit meine Wahrnehmung von Sprache im Alltag verändert.

RANFORCË BETTWÄSCHE
Gesehen im Kaufhaus
Am Monatsende bin ich mal wie­der auswärts zu einem Lei­der-leider-Einsatz, span­nend, lohnend ... aber nicht unbedingt materiell. Ich su­che mir solche Einsätze sehr gezielt aus, weil ich da­mit auch etwas Marketing ver­bin­den kann.
Untergebracht werde ich von Freunden. Ich weiß allerdings sehr genau, wie deren Som­mer­decke beschaffen ist.

Sie ist nämlich exakt so, dass ich sie, als ich letzten August dort zu Gast war, schnell entsorgt habe. In der eigentlich mottendicht verpackten Plastikhülle mit Reißverschluss wimmelte es nämlich leider. Natürlich habe ich das anschließend den (zwischendurch Abwesenden) mitgeteilt. Und ich weiß auch, dass ich zu die­sem Sommeranfang ihr erster Gast sein werde. Mein Gastgeschenk wird also eine überlange Sommersteppdecke mit passendem Bettbezug sein.

Also suche ich im einschlägigen Fachgeschäft sowie im Kaufhaus nach Bettzeug. Und stolpere über eine sehr hübsche Tafel. Verstärkte Baumwolle ist hier Ge­gen­stand meiner Betrachtung. Ach, wie schreibt man nur nochmal dieses "verstärkt"? Ist irgendwie ausländisch, mit so Gekröse am Vokal, nach oben oder nach unten? Ach, ganz einfach, ein bisschen basteln, so wird's stimmen.

Schon blöd, wenn manche Arbeitgeber ihren Mitarbeitern keinen Zugang zum In­ter­net gewähren. Und ja, es ist etwas aus Renforcé-Baumwolle geworden!

Der Leider-leider-Tarif ist ein Zitat. Die Zeitung taz hat den Begriff eine Zeitlang als Bezeichnung für ihren "Soli-Tarif" genutzt.

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Foto: C.E.

Montag, 5. Juni 2017

Schifffahrt

Bonjour, Sie lesen im Blog ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche mit den Ar­beits­spra­chen Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Pfingstmontag und Zeit für die Sonntagsbilder.

Weiter mit dem Sonntag am Kanal, der ein Montag war. Wir haben hier viele Schif­fe und Boote und auch die Nicht-Schiffs­be­sit­zer ge­nie­ßen das. Ein Wort mit drei "F" ... Letzte Wo­che lag der Schwer­punkt auf Men­schen (hoch­kant).

Kanus am Ufer
Privatschiffchen am Ufer
Touristenschiff auf dem Kanal

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Fotos: C.E.

Sonntag, 4. Juni 2017

Pflaumenpfingsten

Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin für die französiche Sprache (so­wie aus dem Englischen). Ich beschreibe typische Momente der Arbeit, stets unter Wah­rung der in Ausübung meines Berufes erfahrenen Geheimnisse, und denke über Sprache nach.

Rose
Une rose rose (eine rosa Rose)
"Da kannse warten bis Pflau­men­pfings­ten!", sagt Andrea U., Produzentin aus Ber­lin. Sie meint: "Darauf kannste warten, biste grün bist!"

Andrea stammt aus dem Ruhrpott, lebt aber länger in Berlin, als sie sonst ir­gend­wo ge­wesen ist. Und es gibt in ihrem Um­feld etliche Mitarbeiterinnen mit bo­den­stän­di­gem Mutterwitz, wie er typisch ist für Ber­lin.

Na, und woher kommt der "Schnack", wie ein Ham­bur­ger sagen würde, denn nun? Das Netz verweist den Ausspruch aufs Rhein­land: Wör­ter­buch der rheinischen Um­gangs­spra­che.


Der Kopf braucht eine Weile, bis er die Erklärung dafür findet: Pflaumen reifen im Herbst, Pfingsten ist im Frühjahr, die beiden Ereignisse werden nie auf ein- und denselben Termin fallen.

Der Sankt Nimmerleinstag ist ein Verwandter.

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Foto: wird nachgereicht

Donnerstag, 1. Juni 2017

Im Jahresmittel

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (meistens nur Aus­gangs­spra­che).

Keep running, lautet die Parole. Gar nicht mal mehr just keep going wie bei Joyce (Ulysses), sondern im Eiltempo geht es hier voran und zur Zielgeraden. Die erste Kongresssaison eines jeden Jahres dauert von April bis Juni, die zweite folgt von September bis November, und wir haben dieses Mal noch einige Wochen bis ultimo.

"Was ist zu tun?"
Nicht immer ist der Weg klar
Ein freundlicher Mensch ruft an, möchte mich mitten in der Saison buchen, bräuchte meine Dienste für zwei Mal eine Stunde an ein- und dem­sel­ben Tag, mit An- und Ab­rei­se sind das vier Stunden. Leider hat er kein Budget. Kein Budget bedeutet hier, die Ausgaben waren nicht eingeplant. Irgendwo fanden sich noch 120 Euro an (ob netto oder brutto ist unklar).

Würde ich an exakt diesem Tag im Haus gegenüber sitzen, sagen wir mal in der Film­bi­blio­thek am Potsdamer Platz, und ginge es somit lediglich darum, einmal quer über den Platz zu gehen, wäre der dieser Kunsteinsatz gar kein Problem. Nun ist dieser Tag stark nachgefragt und ich maile jetzt die Kolleginnen durch, ob even­tu­ell jemand von uns an diesem Tag eine Bibliotheksrecherche geplant hat (die Staatsbibliothek ist um die Ecke).

Ich versuche das meinem Kunden zu erklären. Zum Glück habe ich es mit einem Freiberufler zu tun, er kann es halbwegs nachvollziehen, naja, wohl auch nicht ganz. Ich muss ein Beispiel nennen, einen Monat, in dem ich so gut wie gar keine Umsätze hatte. "Und diese Zeiten kompensiere ich eben in der Hochsaison."

Drehen wir es anders: Ein Hotelier hat wunderschöne Zimmer zum Meer hinaus, die Sommerhochsaison dauert drei Monate, hinzu kommen zwei mal zwei Monate Vor- und Nachsaison (oder etwas in der Größenordnung). Das Hotel zieht das ganze Jahr über Kosten nach sich: Grundsteuer und Versicherungen, Mitarbeiter, Heizung, Instandhaltung und was derlei Ausgaben mehr sind. So ist es auch ihm vermutlich eher nicht möglich, im Hochsommer für ein Sechseinhalbtel des Saisonpreises seine Buden zu vermieten, zumal diese Anfragen in Konkurrenz zu Vollzahlerkunden ste­hen.

Hab mir das so nicht ausgesucht und kann auch nichts dafür.


P.S.: Die Zeiten zwischen der jeweiligen Hochsaison ge­hö­ren Übersetzungen und kreativen Projekten, wozu auch die sprachliche Mit­wir­kung an Nach­wuchs­film­projekten zählt.
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Foto: C.E.

Dienstag, 30. Mai 2017

Erschließungskern

Was eine Französischdolmetscherin so alles erlebt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch und Englisch. Meine Fachgebiete sind Politik und Wirtschaft, Medien/Kino, Kultur, Soziales, Ökologie und Architektur mit dem Schwerpunkt Innenarchitektur. Heute geht's um Wasser.

Mit einem Kunden ein linksseitig knapp geschnittenes, also krummes Waschbecken für ein noch krummeres Badezimmer suchen, während bei ihm in der künftigen Wohnung die Wand zwischen Küche und Bad aufgerissen wird für den zentralen Versorgungsschacht, das sind Erfahrungen, die Dolmetscherinnen bei über 30° Cel­sius auch machen können. Dann gewittert es so stark, dass wir Gefangene sind.

Und der "Versorgungsschacht" heißt gar nicht so, sondern "Erschließungskern".

la vasque de salle de bain – das Badezimmerwaschbecken
Was freue ich mich einmal mehr über Schönheit und Knappheit der deutschen Sprache! Die an­de­ren Idiome, die ich heute im Angebot habe, brauchen dafür viel mehr Wörter und Anschläge: a back-to-back plumbing infrastructure wall oder la gaine centrale de via­bi­li­sa­tion/rac­cor­de­ment. Das taugt jedenfalls nicht für Scrabble.

Wir wurden leider nicht fündig. Jetzt müssen wir im Internet weitersuchen und dort etwas bestellen. In Paris sind die Badezimmer kleiner. Mal sehen ...

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Fotos: C.E.

Montag, 29. Mai 2017

"Binge Learning" vs. echtes Lernen

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Die Einsätze sind nur die jeweilige Spitze des Wissenseisbergs. Die Hauptarbeit ge­schieht in Vor- und Nachbereitung. Das ist der Eisblock unter der Spitze.

Vor fünfzehn Jahren hörte ich zum ersten Mal von Binge drinking, Komasaufen.

Infotafel Denkmal Rieselfeld Großbeeren
Rieselfeldinfo, im Vorbeirennen dokumentiert ...
Wir Spracharbeiter kennen gelegentlich das Phänomen des Binge learning. Wir kom­men uns immer wieder vor wie die Prüflinge, die auf den letzten Drücker ... als hätten wir unsere Materialien nicht rechtzeitig organisiert, das Lernen nicht gut struk­tu­riert und vor allem nicht beizeiten angefangen. Alternativ geht als Ausdruck auch compulsive learning.

Zwanghaftes Lernen geht schon in die Richtung einer seelischen Störung, "bu­li­mi­sches Lernen", Reinfressen und Rauskotzen, ebenso. Wenn es nicht die Seele ist, so kann derlei Phänomen auf suboptimales Zeitmanagement zurückgehen. In 80 % der Fälle waren wir selbst übrigens gar nicht zu spät dran. Da hängen wir Sprach­ar­bei­ter schlicht und ergreifend davon ab, was uns die Kunden a) nicht, b) in Etappen oder c) zu spät zur Vorbereitung zuschicken.

[Kurzer Sidekick: Manche Endkunden erfahren von unseren Ma­te­rial­wün­schen rein gar nichts, gerade wenn Sprachmakler, die sogenannten Agenturen, im Spiel sind. Diese sind nicht selten Meister im Abblocken direkter Kontakte, um die Kontrolle über die Kundendaten zu behalten, verständlich, aber sie behindern uns in der Ar­beit und gefährden damit die Qualität des Einsatzes.]

Im Fall von a), gar keine Informationen, erreicht mich am späten Vorabend einer Ackerbegehung dann schon mal die entsetzte Frage einer Kollegin, wo denn bit­te­schön der Referent seine PowerPointPräsentation abspielen möchte. Madame, das war Hintergrundmaterial aus der allerersten Aussendung meinerseits und enthielt desweiteren gut sichtbar das Datum 2014. Und ja, ich kann die bange Frage kurz vor knapp verstehen, der Stress erhöht bei uns allen den Grad der Nervosität.

Und dann treffen wir vor Ort ein und es warten plötzlich — Überraschung! — drei völlig unbekannte Präsentationen, von illustrierten Grafiken unterstützt, in einem kleinen Konferenzraum auf uns und darin mindestens zwei Dutzend nicht vor­be­rei­te­ter Fachbegriffe. 

Der teilgeschlossene, urbane Wasserkreislauf
Wasseraufbereitung heute, gesehen in Charlottenburg
Mancher Redner mag sich wun­dern, wenn wir, wir sind noch immer beim Beispiel Acker­be­ge­hung und Vor­be­rei­tung, an­schlie­ßend freund­lich um die Zu­sen­dung nämlicher PowerpointPräsentationen bit­ten.

Denn uns geht es wie Po­li­ti­kern: Nach der Wahl ist vor der Wahl, nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz.

Damit das Binge Learning beim nächsten Mal nicht ganz so schlimm wird, bereiten wir uns nach. Für mich bedeutet das: Jeden Tag, auch samstags und sonntags, zwei Stunden mit meinen Sprachen zu tun zu haben ... und mit spannenden In­hal­ten!

Mein Lernschwerpunkt im Englischen derzeit: Akzente und Verfestigung dessen, was wir bei den Konferenzen erfahren haben. Ab morgen: Böden, Wasserreinigung, Bodenrehabilitation, Erosion, Kleinstlebewesen und Biochemie auf dem Acker, verteilt auf mehrere Tage, Stichwort: #Lernzyklen. Dazu gleich noch der Link zum textlastigen Foto in höherer Auflösung: Rieselfeld_Großbeeren (groß) (15,8 MB).



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Fotos: C.E. / Film: United States Studies Centre

Sonntag, 28. Mai 2017

Work hard, party hard

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Zeit für die Sonntagsbilder vom Ufer des Landwehrkanals.

Wer hart arbeitet, darf auch feste feiern. Und ich freue mich mal wieder über die Groß- und Kleinschreibung!

Und rasch noch einen Kommentar der Textkünstlerin Barbara, die ihre Texte im öf­fent­li­chen Raum hinterlässt: "Wenn Donald Trump jetzt von seinem Amt als Prä­si­dent der USA zurücktreten würde, indem er verkündet, dass seine Kandidatur nur eine Kunst­per­for­mance war, um den Menschen aufzuzeigen, wie weit man es mit Beleidigungen, Lügen, Rassismus, Diskriminierungen und Hassattacken auch in un­se­rer Zeit noch bringen kann, dann würde er als größter Künstler aller Zeiten in die Geschichte eingehen."

Das sollte dem tumben, eitlen Gecken mal jemand zuflüstern.

Picknick im Baum
Das Eis, das Kind und Mamas Schuhe
Leser am Landwehrkanal
Serie "Sonntag am Landwehrkanal"

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Fotos: C.E.

Samstag, 27. Mai 2017

Gentrifidingsbums

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachar­bei­te­rin. Wir Übersetzerinnen, Über­set­zer, Dolmetscherinnen und Dolmetscher arbeiten meistens zu Hause im eigenen Arbeitszimmer. Daran werden auch steigende Mieten erstmal nichts ändern. Nur manchmal möchte ich mein Schlafzimmer außerhalb der Wohnung haben.

Wohnen in einem sogenannten "hippen" Kiez: Als wir vor 20 Jahren hergezogen sind, haben wir noch Kopfschütteln geerntet — "... wie kann man nur ins soziale Sperrgebiet ziehen?" Heute gelten wir als hipper Wohnbezirk: Der unsanierte Dach­rohling kann da schon mal 3000 Euro den Quadratmeter kosten. Hier heute zu woh­nen be­deu­tet z.B. an einem Werktag, kaum zur Ruhe zu kommen.

YOUR MONEY DESTROYS BERLIN
Aus der Nachbarschaft
Im Nachbarhaus, das scheib­chen­wei­se verkauft worden ist, bil­ligs­ter sozialer Woh­nungs­bau­stan­dard, der nach der Hin­zu­fü­gung einiger Ei­mer Wand­far­be und gül­de­ner Wasserhähne statt im Einkauf (en bloc) 900 Euro den Qua­drat­me­ter nun um die 4000 Euro kosten soll, hat die Zahl der Fe­rien­woh­nun­gen in­fla­tio­när zu­ge­nom­men ... und ja, das ist mir nicht egal.

Im Haus, es wurde in den Neunziger Jahren gebaut, scheint etwa die Hälfte der Wohnungen verkauft zu sein, der Rest steht leer. Die Nachbarn von einst leben am Stadtrand, wo plötzlich (wie im Märkischen Viertel) neue Schulen gebaut werden mussten. Umzug, Neubau und den Leerstand von Schulen im Kiez zahlen wir alle mit unseren Steuern. Das große Geld machen damit andere.

Seither stoßen in unserer Straße Welten aufeinander. Hier die ruhebedürftige werk­tä­ti­ge Be­völ­ke­rung mit oder ohne Kindern, dort das Partyvolk mit oder ohne geregelten Tag-/Nachtrhythmus. Und das Nachbarhaus zur anderen Seite wird nach zehn Jah­ren erneut saniert, dieses Mal, so fürchte ich, ist die Edelsanierung dran, die Preis­spi­ra­le dreht hoch. Übersetzt heißt das: An der einen Seite zum Hof wird bis vier Uhr in der Früh Party gemacht, an der anderen Seite zum Hof rattert ab sie­ben Uhr der Schlagbohraufsatz, der Fliesen runterreißt, in der Mitte kraucht die Ein­woh­ner­schaft auf dem Zahnfleisch, denn solche Spitzen filtern selbst Ohropax nicht so ele­gant weg.

Zehlendorf günstiger als Neukölln
Titel vom 22.5.2017
Die Nach­bar­schaft ist bereits einmal durch­gen­tri­fi­ziert, die Ver­drängung der Gentrifizierer von vor zehn Jah­ren steht an. Und heute beginnt der Ra­ma­dan. Migrantische Namen sind auf dem Klin­gel­feld selten geworden. Aber aus den an­lie­gen­den­ Stra­ßen kommen oft noch Menschen mus­li­mi­schen Glaubens an den Kanal, wer will es ihnen ver­den­ken, und gerade die Jungen haben am Ufer ihren Spaß, der sich oft nicht von dem der Par­ty­ma­cher un­ter­schei­det, den Alkohol den­ken wir uns jetzt mal weg. Und Fas­ten­bre­chen fin­­det nach Son­nen­un­ter­gang statt. Nachts schallt es von bei­­den Sei­ten.

Ich übertreibe nur leicht. Samstag gilt übri­gens als Werktag. Bleibt der Sonntag zum Ausschlafen. Das muss reichen! Das Bruttosozialprodukt ruft.

Diese Woche kam zum Sonntag großzügigerweise noch der Himmelfahrtsdonnerstag hinzu. Naja, ich durfte arbeiten. Und kurz aufseufzen, als ich die Wandschmiererei in der Nach­bar­schaft sah, das stimmt leider so sehr ... Das Dilemma wäre übrigens mit klu­gen Gesetzen vermeidbar.

Für einen Dolmetschtermin im Kiez haben wir vor einigen Jahren das Wort "Gen­tri­fi­zie­rung" durch "Verdrängungssanierung" übersetzt, ein Übersetzerkollege fand das Wort nach einem Suchappell über ein "virtuelles Café" im Netz.

Meine Links der Woche sind Artikel über den Mietspiegel: "Warum Berliner Mietern teure Zeiten bevorstehen" und "Altbaumieten steigen am stärksten" (Tagesspiegel).

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Fotos: C.E., Beatrice Höller

Freitag, 26. Mai 2017

Pershing

Bonjour, hello und guten Tag! Hier können Sie Innenansichten aus dem Dol­met­scher­all­tag lesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch (Ausgangs- und Ziel­sprache) und Englisch (nur Ausgangssprache). Nach dem Dolmetscheinsatz über­trägt der Kopf munter weiter, es sei denn, ich lenke ihn mit Musik ab. Er bleibt aber intellektuell wach: Er liest alles, was uns am Weg begegnet.

Kleines Freizeitmotorboot mit dem Namen "Pershing"
Am Landwehrkanal
Nein, ich kann mir nicht vor­stel­len, wie gewisse Tes­tos­te­ron­pro­du­zen­ten auf den Ge­dan­ken verfallen sein mögen, ihr motorisiertes Bin­nen­ge­wäs­ser­ge­schoss aus­ge­rech­net "Pershing" zu nennen. Als Kind der Mauer und des Kalten Krie­ges steht für mich der Na­me "Pershing" für das Wei­ter­dre­hen der Rüs­tungs­spi­ra­le vom Beginn der acht­zi­ger Jah­re.

Der Rüstungswettlauf war einer der Gründe für das Ende des Ostblocks und des lange Zeit unsere Welt beherrschenden binären Modells. (Inzwischen leiden wir unter anderen Formen der Schwarzweißmalerei, die für anderes Leid sorgen.)

Dass die Rakete einen menschlichen Namenspaten hatte, erfuhr ich erst ein Jahr­zehnt später auf einem meiner Besuche in Nordamerika. Denn etliche Städte der USA haben ihren Pershing Boulevard, benannt nach John Joseph Pershing, einem General des Ersten Weltkrieges. (Meine Irritation hätte größer nicht sein können, denn zunächst bezeichnete der Name für mich ja nur die Interkontinentalrakete.)

Als ost-westdeutsches Kind war mir der Gedanke unerträglich, dass im Kriegsfall die männlichen Mitglieder meiner Familie aufeinander schießen müssten, also rein theoretisch zumindest, denn in unserem Fall kam es durch die DDR-üblichen frü­hen Familiengründungen zu einer Generationenverschiebung. Aber solche bio­gra­fi­schen Hintergründe führen häufig zu Pazifismus, und das ist sehr gut so.

Müder Heimweg vom Dolmetscheinsatz also, Müdigkeit wirkt sich aus wie der Kon­sum von Alkohol. Ich radele nicht nur sehr langsam, sondern lasse Haupt­stra­ßen links liegen, nehme kleine (S)Trampelpfade, fahre am Kanal entlang, genie­ße die Natur. Und als ich kurz dem "Sommerschnee" nachträume, das Wort stammt vom weltbesten Patenziehsohn, fällt mein Blick auf dieses Privatschiff. "Frei­tag nach eins macht jeder seins", den Spruch kenne ich noch aus der DDR. Und ich mach das jetzt auch.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Weiterlernen

Bonjour und hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Diverses aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome. Gerade geht es um Re­gen­wür­mer, Mil­ben, Spinnen, Bestandteile der Böden, chemische Prozesse. Der Schreibtisch war auf einer Konferenz bzw. unterwegs in diversen Betrieben.

Was für eine Woche! Die Gesamtheit meiner Chemie- und Physiklehrer würde sich wundern, der Biolehrer hat es immer schon gewusst: In mir steckt eine Na­tur­wis­sen­schaft­le­rin. (Mein Notenblatt in der Schule hat dermaleinst allerdings etwas anderes ausgesagt.)

Mit Gästen auf dem Tourismusschiff
Im Regierungsviertel
Nachdem wir im April mit den Jungbauern aus aller Welt zu tun hatten, dem #RuralFuture Lab, haben wir diesen Mai ei­ni­ge Tage mit Menschen aus aller Welt verbracht, die in diversen Ministerien, im Be­reich der Ausbildung, der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­arbeit mit Landwirtschaftsthemen zu tun haben. Im Zentrum der Arbeit steht der Acker und die Rehabiliterung von Böden.

Wir dolmetschen auf der Global soil week / #GSW17. Ich liebe dieses Thema, das viele naturwissenschaftliche Bereiche verbindet, weil es einmal mehr aufzeigt, was meiner Generation Hoimar von Ditfurt schon in den 1970-er Jahren bei­ge­bracht hat, wir haben es damals mit der Muttermilch aufgesogen, hatten viele Lehrer, die uns früh informiert haben: Alles hängt mit allem zusammen und ist endlich. "Die Grenzen des Wachstums", so der 1972 vom Club of Rome ver­öf­fent­lich­te Bericht, schwebten schon damals über unseren Köpfen.

Intensive Tage sind das. Ich hoffe auf eine ruhige Sommerpause, um hier noch In­hal­te nachzutragen. Ich merke zudem täglich, wie sehr ich ständig an in­ter­kul­tu­rel­len Kommunikationsformen weiterarbeiten muss. Ja, auch nach Jahrzehnten noch gibt es Fettnäpfchen, von denen ich keine Ahnung hatte. Zum Glück sind mei­ne Gegenüber ge­schult, nachsichtig und freundlich und geben einer ihrer zen­tra­len Informationsvermittlerinnen auch Informationen zurück. Genau das liebe ich an meinem Beruf: das ständige Weiterlernen! Auch wenn es manchmal be­deu­tet, dass ich bis elf Uhr abends noch pauken darf.

Zwischendurch gibt es sogar noch einen kleinen Tourismusanteil (auch zu dol­met­schen). Auch dafür vielen Dank an die Veranstalter. Beim Abendessen zuhause dann durch ös­ter­rei­chi­sche Freunde ein neues Wort kennengelernt: Den Ungustl (pl. Un­gus­tln). Das Wort, wobei gerne auch "das" Ungustl verwendet wird, bezeichnet ei­nen un­sym­pa­thi­schen Mann mit groben Manieren. Wir hatten es vom Prä­si­den­ten­(dar­stel­ler) der USA, und ja, irgendwie gewähltes Oberhaupt, aber wie!

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Foto: C.E.

Sonntag, 21. Mai 2017

Himmel!

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute: Sonn­tags­fo­to.
 
Ein Berliner Sonnensonntag mit Hinterhöfen. Im Vorbeigehen entdecke ich ein neues Fotomotiv. Und der Himmel ist auch hier spektakulär, ein Bild mit Rahmen.

Fassade, Mauer, Fassade: Dazwischen strahelender Himmel
Pars pro toto
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Foto: C.E.

Samstag, 20. Mai 2017

POV: Ohne Wände

Hier bloggt eine Dolmetscherin für die französische Sprache, die auch übersetzt. Heute POV: Der nur knapp kommentierte sub­jekti­ve Blick aus der Spracharbeit und dem, was damit zusammenhängt. Jetzt gerade in der Kabine ...

Abgespeckte Dolmetscherkabine
... fehlt die Schallisolation. Wir sitzen hinten im Raum. Wir haben hier die übli­chen Kopfhörer, in denen der Ton des Podiums und die Fragen aus dem Publikum erstklassig ankommen, unsere Mikros, zwei Tisch­lich­ter, unsere Rech­ner und W-lan. Also alles wie in der Kabine, nur die Wände fehlen.
Das Publikum hört uns als Gemurmel im Hintergrund.

Für eine kleine wissenschaftliche Konferenz, die einen Dreivierteltag dauert, stellt diese Möglichkeit eine erhebliche finanzielle Ersparnis dar im Verglich zur Box. Bei spannenden Themen sind wir zu derlei gerne bereit.

Inhaltliche Notiz: Gewalt gegen Frauen ist in Frankreich nur deshalb nahezu aus­schließ­lich und höchst aus­dif­fe­ren­ziert sta­tis­tisch für mi­gran­tische und arme Be­völ­ke­rungs­an­tei­le in den ban­lieues, den Vor­städten, belegt, weil es derlei Un­ter­su­chun­gen und Statistiken in den Städten und Quar­tie­ren der Wohl­ha­ben­den schlicht und ergreifend nicht gibt.

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Foto: C.E.

Freitag, 19. Mai 2017

Auf dem Schreibtisch XXXXI

Mitten in ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem mit­un­ter sehr vielseitigen Alltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern.

Füller, Miniaturharke, USB-Stics, Schraubenzieher, Stifte und "TOMATE Moneymaker"
Blick auf den Schreibtisch
Neulich habe ich die besten To­ma­ten­sa­men der Welt entdeckt. Really! It's great!
Und nach der Berlinale, dem Achtung­ber­lin Film­fes­ti­val sowie dem Filmkunstfest MV bin ich vom 17. bis 29. MAI in BERLIN. Cannes kann |mich mal| ohne mich sein 70. Jubiläum feiern, endlich mit der Teil­nah­me von mehr Regisseurinnen, wo­rü­ber ich mich sehr freue.

Ich bin hier und dolmetsche Konferenzen, denn auf die Tomaten allein will ich mich nicht verlassen, und verdiene Geld ... pour écrire mon prochain livre cet été, um im Sommer mein nächstes Buch zu schreiben.

Auf dem Programmzettel:
⊗ Bodengesundheit
⊗ Theatersprache
⊗ Aktuelle französische Politik
⊗ Badezimmerrenovierung
⊗ Euro-Betriebsrat
⊗ Gewalt gegen Frauen

Die The­men be­schäf­ti­gen mich im Hin­blick auf aktuelle Dol­met­sch­ein­sät­ze und Übersetzungen.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Mal wieder: Preisgestaltung

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Wäh­rend in Cannes das Filmfestival startet, übersetze ich in Berlin noch Dreh­bü­cher. Auch eine Art, zum Geschehen beizutragen. Manche gehen flott von der Hand, andere brauchen mehr Zeit. Das sollte sich auch in Preisen niederschlagen.

Croissant und Espresso
Französisches Frühstück
Zum Aufwachen in eine Art digitales Wortcafé gegangen, gelacht. (Solche Orte werden auch virtuelle Kaffeeküche ge­nannt.)
Hier tauschen wir News aus. Oder Wörter: "Ar­ma­tu­ren­kne­bel­ein­satz­rast­buch­se" hat Jackie Stech, Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin mit dem Schwerpunkt Technik (IT, PT, FR, EN) in einem Do­ku­ment gefunden.

Auf nüchternen Magen kann es einem da schon mal den Appetit verschlagen.

Darauf Kollegin Jessica Link, Übersetzerin auch im Bereich Technik (EN und IT): "Oder warum man in die Fremdsprache nie einen Wortpreis berechnen sollte."

Mesdames, you made my day!

Damit solche Jobs überhaupt nahrhaft sind, müssen sie nach Zeit berechnet wer­den. Das ist so ähnlich wie mit der Autoreparatur in der Werkstatt: Die wird ja schließ­lich auch nicht nach Kilogramm berechnet. Drehbücher indes berechne ich weiter nach Anschlägen (Zeichen inkl. Leerzeichen) und nach Schwierigkeitsgrad der Vor­lage. Da kommen solche Wörter eher nicht vor.

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Foto: C.E.

Montag, 15. Mai 2017

Schlüssel

Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im elften Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Was macht die Sprach­ar­bei­te­rin an Tagen ohne Auftrag?

Schreibtisch aufräumen, Papiere und Schlüssel sortieren. Auf den Speichermedien befinden sich manche Dokumente, die in die thematischen Ordner einzusortieren sind. Auch die Technik für das große Archiv muss ich bald wieder umstellen. Und der Rechner muss umgerüstet werden. Die Software der verschiedenen Pro­gram­me beißt sich.

Radschlüssel, USB-Stic 1, USB-Stic 2, USB-Stic in Schlüsselform
Rechts: Schlüssel und Speichermedien
Das bedeutet mindestens zwei Tage Arbeit wenn nicht drei, Kosten für neue Spei­cher­plat­ten im Rechner und für eine neue externe Fest­plat­te. Kosten, die mit dem Beruf in direkter Linie zu tun haben, die aber viele Men­schen, wenn sie an Frei­be­ruf­ler denken, nicht im Blick ha­ben. Auch deshalb ist unser Stundenlohn eben nicht ein­fach nur 20 oder 30 Euro.

Beim Aufräumen singe ich vor mich hin:
One of these things is not like the others,
One of these things doesn't belong, 
Can you tell which things is not like the others 
By the time I finish my song?

Damit habe ich schon als Erstklässlerin Englisch gelernt, und ich danke noch heute meiner Mutter, die mich außer für Sesame Street und Les Gammas nur wenig an die Glotze ließ. Damals war ich nicht so einsichtig, Weisheit kommt erst mit den Jah­ren ... Ja, das war schon ein Schlüssel für Bildung.

Auf Französisch heißt der USB-Stic une clé USB, ein USB-"Schlüssel" ... Und Les Gammas gibt's neuerdings in 39 wunderschönen Folgen bei YouTube.




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Foto: C.E. / Film: Sesame Workshop
Glückwunsch an eine, die heute Geburtstag hat.

Freitag, 12. Mai 2017

Kopfkino (1)

Ob geplant oder zufällig, Sie sind auf den Weblogseiten einer Wortarbeiterin ge­lan­det. Ich dolmetsche und übersetze für Wirtschaft, Politik und Industrie, da­run­ter auch für die Filmindustrie. Arbeitssprachen sind DE, FR und EN. Heute startet eine neue Reihe, mal schauen, ob ich die etabliert bekomme: Kopfkino.

Schlechte Kalauer scheinen unter deutschen Frisören besonders groß in Mode zu sein. Wann hat das bei denen eigentlich angefangen?

Wandmalerei: Kopfkino
Gesehen in Berlin-Kreuzberg
Ihre Boutiquen nennen sie "Chronicle head crash", "Abschnitt", "Haupt-Sache" (in Ge­richts­nähe), "Cre­Haar­tiv", "Kai­ser­schnitt" (am Krankenhaus), "Schnipp & ab", "Vier Haareszeiten", "Kamm in", "Hair­zi­lein", "Um Haaresbreite", "Haarem", "Schnitt­stel­le", "Hairlich", "Hair­schafts­zei­ten" und was derart Sprachgrausamkeiten mehr sind.

In meiner Kindheit und Jugend haben wir uns wenigstens noch in den Räumen von "Haarmoden Retzer", der lag in Sachsen, da brachten wir das eigene Handtuch mit, oder im "Salon Bella", bei "Barbara's Bar­ber's" oder "Pfaff's Haarstudio" ein­sei­fen und beschnippeln lassen, wie sich's ge­hört mit Dep­pen­apostroph.

Simon Coiffeur de famille, Audebert Coiffure, La Bottega del Coiffeur heißen die entsprechenden Läden in Paris. Das geht alles in Richtung der guten altdeutschen "Haar­ins­ti­tu­te". Franzosen gehen ja gemeinhin zum Coiffeur, wo sie sich eine neue coiffure verpassen oder nur die Spitzen nachschneiden lassen. Der deutsche Be­griff "Fri­seur", ein echter "falscher Freund", klingt für französische Ohren lustig, heißt er doch übersetzt "Lockenmacher".

Wennschon, dennschon. Jetzt kommt die Filmidee. Ich bin für "Brainwash": Der La­den, irgendwo im Norden Neukölln, so stelle ich ihn mir vor, ist hin­ten Wasch­sa­lon für Wäsche, vorne Salon für Haare und Teesalon für alle anderen. Das Eta­blis­se­mang liegt in einem Hin­ter­hof­ne­ben­ge­bäu­de aus roten Ziegeln und hält aus­schließ­lich politische Zeitungen und LETTRE, außerdem werden Hennafärbungen der Hän­de angeboten, denn direkt daneben liegt eine Bauchtanzschule.

Schriftzug auf Papier: Frühling eingetroffen
Heute war es endlich mal warm
Sobald es wärmer wird, sitzen viele draußen im Hof, dann dringt die Musik nicht nur durch die Wände.

Bis vor einigen Jahren war "Brainwash" im Bezirk Prenz­lau­er Berg ansässig, aber dort be­sitzen in­zwi­schen alle ihre ei­ge­nen Wasch­ma­schi­nen und die Edelcoiffeure haben seit langem den Wett­kampf für sich ent­schie­den.

Das Vorbild für den Laden habe ich vor vielen Jahren mal in San Francisco besucht, dort gibt's im Brainwash Cafe & Laundromat die Kombi Kaffee und Wäsche.

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Foto: C.E.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Ruhm und Arbeit, die Erste

Bienvenue auf den Seiten einer Sprachmittlerin. Wir Übersetzerinnen und Über­set­zer sind derzeit gefragte Menschen, wenn es um die Vorbereitung des Film­fes­ti­vals im süd­fran­zö­si­schen Cannes geht. Sonst verdiene ich meine Brötchen als Dolmetscherin zwischen Politik, Kultur und Wirtschaft und plane Termine bis in den Oktober. Und ich blogge, stets unter Wahrung der im Dienst erfahrenen Ge­heim­nis­se.

STAR als Leuchtschrift und Spiegelung
Gesehen in Berlin-Mitte. Das Internet ...
Einmal kurz das Näschen ge­lupft und schon wieder zwei Tage im Büro verbracht, sogar eigene Kulturtermine ab­sagen müssen. Kostenvoranschläge wer­den oft zu Beginn der Wo­che angefragt, die von mir rasch kontaktierten Ko­ope­ra­tions­part­ner lassen sich Mon­tag­nach­mit­tag Zeit, Dienstag ist woanders Stress, Mittwoch sende ich Reminder, Don­ners­tag werde ich nervös.

Und dann flattert eine Übersetzungsanfrage von Donnerstagabend zu Montagmittag im Umfang eines fetten Drehbuchs rein. Einreichfristen bei Filmförderinstitutionen eben. Die Kolleginnen so: "Aber die wissen das doch nicht erst seit gestern!" Rich­tig. So direkt sage ich das aber nicht weiter. Der Kunde kürzt auf meinen Rat hin. Ich suche. Suche weiter. Erneuere meine Kontaktliste.

Jetzt ist es nun einfach mal so, dass wir in den letzten Jahren sehr viel gearbeitet haben und die Kunden es uns mit regelmäßiger Auftragsvergabe danken. Wir, und hier meine ich diverse Teams, die ich überblicke, mein wachsendes Netzwerk, ar­bei­ten manchmal am Limit, also einige Monate im Jahr, was in unserem Gewerbe nicht so gut ist, denn das Hirn fordert seine Ruhephasen ein.

Filmproduktionsfirmen brauchen nur ab und zu unseren Beitrag, nicht selten von jetzt auf gleich. Wenn dann auch noch die Abgabefrist kurz ist und ein Wo­chen­en­de dazwischen liegt, viele von uns haben unterschiedlich geartete Fa­mi­lien­pflich­ten, wird es verdammt eng.

Nun ist es aber wiederum auch nicht so, dass auf Film und Medien spezialisierte Übersetzer das ganze Jahr ausschließlich das machen UND ständig auf Aufträge warten würden. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die einen arbeiten ausschließlich in dem Feld, oft für re­du­zier­te Sätze, da die Akquise wegfällt, z.B. im Verbund mit einem Synchronstudio, sind aber oft ausgebucht. Wir anderen, die wir Synchro has­sen und/oder einen leicht höheren Lebensstandard pflegen und/oder mehr Zeit fürs Private brauchen und/oder dolmetschen, haben in der Zwi­schen­zeit Kunden un­ter­schied­lichs­ter Art gewonnen. Etliche unterrichten ne­ben­bei an der Uni, an den Volkshochschulen oder im Sprachangebot für Ge­flüch­te­te. Kurz: Wer hat ge­ra­de Zeit? In wie­ viele Teile hacken wir das? Wer ist fürs Korrektorat zu­stän­dig, das dann eher eine Schlussredaktion ist?

Sehr wichtig: Wie kriegen wir das so kalkuliert, dass der Endpreis nicht durch die Decke schießt? (Der Film ist noch nicht finanziert, es geht ja gerade um das Ein­wer­ben weiterer Mittel. Ich verdiene an sowas oft nur soziales Kapital.) Und nimmt mir eine der Kolleginnen das Projektmanagement ab? Ich muss ja mei­ne ei­ge­nen Termine koordinieren und dann liegt da noch ein Schreibprojekt mit Recherchen auf dem Tisch.

"Die Tat ist alles, nichts der Ruhm."
(Goethe, Faust 2, IV. Akt, Szene "Hochgebirg", Vers 10188)

Ja, Herr Geheimrat, stimmt. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. So hat Erich Kästner den Gedanken ein bisschen salopper reformuliert. Aber mit etwas Ruhm ließen sich Grundinfos über unsere Arbeitsweise allgemeiner bekannt machen, oder? Dann würden die Menschen nicht immer glauben, unsere Arbeit würde sich fast wie von selbst erledigen (oder demnächst automatisch durch den Kollegen Computer). Dann wären Bitten seltener, Projekte in an­dert­halb Werk- und zwei Wochenendtagen zu erledigen, für die wir normalerweise zwei Wochen kal­ku­lie­ren.

STAR in Neonschrift auf dem Kopf
... stellt manches auf den Kopf.
Mit dem Internet hat der Ge­heim­rat nämlich nicht ge­rech­net. Es stellt so manches auf den Kopf, denn es gaukelt zu oft unseren potentiellen Kunden vor, dass alle Talente gleicher Qualität immer und sofort zu finden sein müssten.

Also ist die Tat künftig fast alles, aber der Ruhm darf trotzdem nicht außer acht gelassen werden.

Wobei ich denke, dass Goethe durchaus den eigenen Ruhm im Blick hatte. Im Fall von Künstlern, die Neues schaffen, halte ich das für legitim. Unsere Kunst ist die der Re-création, des Erschaffens von etwas auf der Spur von Bestehendem. Bislang gehört zu unserem Berufsbild, vornehm hinter den von uns ins Licht Gesetzten zu­rück­zu­tre­ten. Zugleich sind wir ebenfalls Urheber, z.B. von literarischen Über­set­zun­gen (und von Filmübersetzungen, Untertiteln usw.)

Am Ruhm werde ich künftig wohl arbeiten müssen. Nicht einfach, wo ich doch so schüch­tern bin. Also das wirkliche Ich, das hier tippt, ist schüchtern, nicht aber die Dol­met­sche­rin­nen­kunst­fi­gur, die regelmäßig neben den Deneuves, De­par­dieus und De­par­dons die­ser Welt auf den Festivalbühnen steht und sie vertont. Das war bis­lang mein Trick zur Überwindung des Lampenfiebers, du trac: Ich spiele diese Dol­met­sche­rin nur. Und genau diese Persona steht in diesem au­to­bio­fik­tio­na­len Ar­beits­ta­ge­buch im Mittelpunkt.

Jetzt bin ich aber vom Thema abgekommen. Und morgen, Freitag, dürfen dann fünf Angebote raus, eines davon in drei Va­ri­an­ten. Weil die Kunden nicht nur mit­un­ter spät dran sind, sondern auch im Vorfeld nicht immer genau wissen, was letzten Endes gebraucht werden wird. (Keine Angst, rechtzeitig vor dem Ter­min wird dann unterschrieben.)

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Foto: C.E.

Montag, 8. Mai 2017

Am Sandkasten

Bonjour und hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Diverses aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv ge­fil­tert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Spra­che.

Es gibt Tage, da stelle ich um viertel nach sieben den Wecker aus (der sonst spä­tes­tens 7.20 Uhr sanft und freundlich die Nacht beendet).

Hinterhof mit Grün, Hüfkästchen und Sandkasten
Naherholungsgebiet
Und dann drehe ich mich ge­nüss­lich um, weil die Ver­ab­re­dung nur eine eigene mit den Laufschuhen war oder ein klei­ner Recherchetemin. Und weil ich nach längeren Ein­sät­zen und Kraftakten, die sich zum Teil auch ins Wo­chen­en­de hin­ein­zie­hen, mit mir mit viel Nach­sicht umgehe. Denn ich fühle mich wie re­kon­va­les­zent. Dabei habe ich nur gearbeitet.

Können sich das Menschen anderer Berufe vorstellen? Eine Kollegin hat dafür ein drastisches Wort, sie nennt den Zustand brain dead. Ich nenne das Hirn­ne­bel oder Kopfmuskelkater. Und derlei ist auch möglich nach fünf Tagen mit über 20 Mo­de­ra­tio­nen von Filmgesprächen, die ich zum kleinsten Teil auch gedolmetscht habe. Letzte Woche war ich beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin.

Anschließend erlebe ich Tage, an denen ich maximal die Aqua­rell­pin­sel in die Hand neh­me, weil ich ohnehin sonst nur schlafen würde. Der innere Zensor schläft dann auch, das ist bonfortionös. An denen ich es ertrage, Kleidung einkaufen zu gehen, vor­aus­ge­setzt, ich habe gut gegessen und ein Mittagsschläfchen halten können. An denen ich früher entspannt am Sandkasten sitzen konnte und mich gewundert ha­be, war­um sich Nur-Familienmenschen eigentlich langweilen.

Waren die Anstrengungen sehr groß, hält der Zustand manchmal zwei, drei Tage an. Irgendwann eile ich plötzlich in den Buchladen, in die Bibliothek und ins Kino und bin wieder da.

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Foto: C.E. (Archiv)

Freitag, 5. Mai 2017

Herausforderungen

Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber schreibe ich hier seit mehr als zehn Jahren, derzeit wieder aus Berlin. Weiter geht's mit der Reihe POV, Point of view. Kurzer Kommentar zu Sprachveränderungen.

Vom #RuralFuture Lab
"Das Team steht vor großen Herausforderungen."
"Frankreich muss seine Her­aus­for­de­run­gen bewältigen. "
"Wir können uns glücklich schätzen, auf der Höhe der Herausforderungen gewesen zu sein ..."

Ich mag dieses Neusprech nicht. Früher war die Sprache direkter und Probleme hießen noch Probleme.

Heute schwurbeln alle von le défi oder the challenge. Welthunger: Nourrir 10 mil­liards d’êtres humains : le défi du siècle, Zehn Milliarden Menschen zu er­näh­ren ist die Herausforderung des Jahrhunderts, so mein Leib- und Magensender France Culture, und Marine Le Pen, un défi pour la presse, die Front National-Che­fin ist auch eine Herausforderung, vor allem für die Presse.

Wann haben wir eigentlich aufgehört, Probleme als Probleme zu bezeichnen und das direkte Ansprechen von Sachverhalten als "Stammtisch" oder Duktus ex­tre­mer Parteien?

Die Vokabelliste des neoliberalen Zeitalters ließe sich leicht fortsetzen. Und ja, ich denke, dass diese Sprachverhunzung zur Misere beigetragen hat. Ich sage nur "Ent­frem­dung", was auch kein unschuldiger Terminus ist.

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Foto: C.E.

Mittwoch, 3. Mai 2017

World Café

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (meistens nur Aus­gangs­spra­che).

Foto: Winnie Ya Otto
Im Juli findet in Hamburg das Gip­fel­tref­fen G20 statt. Zu dessen Vorbereitung gab es letzte Woche in Berlin einen W20, einen Frau­en­gip­fel sowie ein Treffen mit Men­schen aus Af­ri­ka. Diese Vorbereitung er­fuhr ihre ei­ge­ne Vor­be­rei­tung: Eine Pro­gramm­wo­che mit jun­gen Menschen aus Entwicklungs- und Schwel­len­län­dern mit der Schwer­punkt­fra­ge, wie den Themen Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit, Klimawandel und Be­völ­ke­rungs­zu­wachs gleichzeitig entsprochen kann. Das #RuralFuture Lab, die Werkstatt zur Erkundung der Zukunft des ländlichen Raums, wandte sich an jun­ge Menschen vom Land, viele von ihnen sind Bauern, andere waren zum Studium z.B. der IT in die Städte gegangen.

Auch deutsche Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei und wir als großes Team. Zunächst haben die internationalen Gäste ihre Zukunftsvisionen präsentiert, dann ging's an die Arbeit. Einen Nachmittag lang wurden im Rahmen des Formats "World Café" Probleme besprochen und Lösungen entwickelt. Damit sich nicht alle in ausufernde Debatten verzetteln, gibt es zeitlich begrenzte "Stationen" mit un­ter­schied­li­chen Moderatoren und klaren Frage- bzw. Aufgabenstellungen.

Gruppe im Kreis, zwei im Gespräch
Aufwärmübung und Debatte
Für uns Dolmetscher ist hier schwierig, dass wir bei den Programmpunkten der ers­ten Tage, Vorträge und Besichtigungen, die jungen Leute nicht viel haben spre­chen hören. Die Mutigsten hatten unterwegs schon Fragen gestellt, aber eben nicht alle. Und so kam es, dass die berichtende Dolmetscherin im Kongressraum in der Nähe eines Lautsprechers steht und plötzlich nur Schallwellen empfängt. Langsam kris­tal­li­sie­ren sich einzelne Wörter aus den Wellen heraus, dann wer­den es ganze Sätze. Am Ende kann ich sogar Teile des Anfangs noch irgendwie rekonstruieren. Sehr spannend, wie sich das Gehirn rasch auf neue Akzente einstellt ... sobald es die Regeln der Verschiebung begriffen hat.

Diskutanten und -onkel ;-)
Zusammenfassungen
Das Treffen war ebenso spannend wie höchst ertragreich. Es kamen Vorschläge in einer solchen Überfülle, dass leider immer nur einer weiterbearbeitet werden konnte. Und ich denke, dass die jungen Fachleute ihrer eigenen Existenz und ihrer Länder, mit enorm viel Kompetenz und hoher kommunikativer Fähigkeit gesegnet, gerne auch mal eine Woche auf ein ländliches Tagungszentrum eingeladen werden sollten, ergänzt durch Dolmetscher und Moderatoren, die auf Nachfrage zur Ver­fü­gung stehen. Das Format nennt sich "Barcamp", eine von den Teilnehmern ad hoc selbst strukturierte Konferenz. Das sind die jungen Leute, über deren Zukunft gesprochen wird. Wir trauen dem Nachwuchs fast immer zu wenig zu. (Auch weil wir ihn in Mitteleuropa zu oft in Watte packen und verblöden (lassen), aber das ist ein anderes Thema.)

Arbeitssituationen
Konzentriertes Arbeiten. Foto links: Winnie Ya Otto
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Fotos: C.E. (soweit nichts anderes vermerkt)

Dienstag, 2. Mai 2017

Museum der Wörter 18

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Jemand, der Zeit hat.
          
                                B
um·me·lạnt, der

    
Bummeligkeit und große Rumbummelei sind das Privileg der Satten, Versorgten, Sorg- oder Ahnungslosen. Sonst wird auch ein langsamer und träger Mensch als Bummelant bezeichnet. 

Alle anderen rennen der Zeit hinterher. Ich bin weiterhin gerne schnell, jedoch seit einiger Zeit mit anderem Puffer, gerne eine Viertelstunde zu früh am Ab­fahrts­ort oder Treffpunkt. Zu Dolmetscheinsätzen kommen wir ohnehin gerne eine halbe Stunde "zu früh", um die Technik zu überprüfen.

Die Zeitreserve macht mich gelassener. Der Bummelant ist nicht immer gelassen, denn er weiß ja, dass er weniger leistet, als er könnte; er (oder sie) ist oft ein so­ge­nann­ter underachiever. Das kann zu noch größerer Langsamkeit führen — aus Grün­den der Lähmung. Das weiß ich, weil ich in manchen (privaten) Bereichen durch­aus zu großem Bummelantentum fähig bin, vermutlich auch als Ausgleich zu der sonsti­gen Schnelligkeit.

Als Dolmetscher sind wir, um den berühmten Kollegen Jürgen Stähle zu zitieren, ger­ne mal einen Halbsatz schneller als die Redner selbst. Da wir uns intensiv ein­le­sen und das deutsche Verb, welches satzbautechnisch ein großer Bummelant ist, nicht selten durch den Kontext erschließen, ist das durchaus logisch.

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Idee: H.F.