Mittwoch, 16. Mai 2012

Haarsträubend

Bienvenue beim Weblog aus der Dolmetscherkabine! Hier denke ich über unseren Alltag nach, stets unter Wahrung von Berufsgeheimnissen. Heute habe ich eine Gastautorin, die ihre Situation als Nachwuchsdolmetscherin in Berlin beschreibt. Sie nennt sich selbst "Françoise" und möchte anonym bleiben. Ich habe gezögert, den Text anzunehmen, aber ich halte ihn für wichtig.

"Berlin ist ein schwieriges Pflaster!" So kommentierte meine Lieblingsprofessorin vor über zwei Jahren meinen Wechsel in Hauptstadt Deutschlands. Es war Familienzusammenführung, mein Mann arbeitet hier. Berlin ist nicht Brüssel, das war mir von vorneherein klar. Ich habe damit gerechnet, im Job Abstriche machen zu müssen.

Markt
In Brüssel leben tausende Übersetzer und Dolmetscher, dort gibt es finanziell gut ausgestattete Einrichtungen, Lobbyisten, Bildungseinrichtungen, kulturelle Institutionen. Doch Berlin hat immerhin eine Bundesregierung zu bieten, sicherlich auch viele Lobbyisten, zudem Universitäten, Botschaften, Verbände, Stiftungen und zahlreiche kulturelle Einrichtungen.

Ich war optimistisch. Außerdem habe ich mein Dolmetscherstudium mit hervorragenden Noten abgeschlossen und verfüge über mehr als drei Jahre Berufserfahrung. Seit unser Sohn im Kindergarten ist, bin ich jetzt öfter abends in Berlin unterwegs, um bei verschiedensten Veranstaltungen die Marktlage kennenzulernen. Mein Eindruck kurz zusammengefasst: Ich bin schockiert.

Kultureinrichtung A.
Im Hause A. sitzt eine ordentlich arbeitende Nachwuchskraft neben einer Dame im Rentenalter in der Kabine. Das scheint der Berliner Filz zu sein, vor dem ich gewarnt worden war. Trotzdem bin ich nicht voreingenommen, meine Professorin ist ja selbst das, was man früher einen "alten Haudegen" genannt hätte, und sie arbeitet auch manchmal noch. Sie ist hervorragend. Die ältere Berliner Dame aber kommt bei dem Thema, es geht um Selbstrekrutierung von Eliten, Grandes écoles und Bildungsgerechtigkeit, nicht mit.

Ein kleines Besipiel gefällig? Die Moderatorin kennt sich eindeutig gut in Frankreich aus, sie spricht das Wort méritocratie aus, als sei es ein deutsches ... und die Kabine bleibt stumm diesbezüglich. Beziehungsweise die Dame mäandert sich durch die Nebensätze, dann kommt ein französischer Gast auf die Sache zu sprechen, verwendet das Wort, diesmal auf Französisch, die ältere Kollegin macht: "... wo manche ihre Meriten haben" draus. Dann übernimmt wieder die jüngere Kollegin, sie macht ihre Sache gut.

Der Vorfall ist einige Wochen her. Ich habe gezögert, diesen Eindruck öffentlich wiederzugeben. Ein Grundsatz unserer Branche ist es, nicht über Kollegen zu plaudern und niemanden anzuschwärzen. Aber ist es kollegial, weit über den Eintritt ins Rentenalter hinaus tätig zu sein, der aktiven Generation damit zum Teil den Weg zu versperren ... und dann noch nicht mal seine Hausaufgaben zu machen?

Schlimmer: Hier hat offenbar jemand seit 20 Jahren zu gesellschaftlichen Themen keine Hausaufgaben mehr gemacht. Das Wort méritocratie kam bereits vor Jahrzehnten in Gebrauch, es beschreibt die typische Fehlentwicklung der französischen Demokratie, in der jene, die sich in jungen Jahren durch extremes Büffeln einen guten Rang als Absolvent einer Grande école erarbeitet haben, Zutritt zur Kaste der Privilegierten gesichert haben. Sie können sich lebenslang ihre Jobs aussuchen, ganz gleich, ob sie für sie qualifiziert sind oder nicht, das spielt eine untergeordnete Rolle. Frankreich krankt an der méritocratie, es ist eine "Art (...) Feudalismus, der auf (einstiger) Exzellenz beruht". (*)

Nächstes Beispiel: Kultureinrichtung B.
Im Veranstaltungsraum steht eine professionelle Kabine, darin bemüht sich ein Laie, bei einer Debatte zur "Arabellion" halbwegs mitzukommen. Auf der Bühne liefern zwei Gäste dem Moderator viel Stoff, der aber kaum darauf einzugehen scheint. Nach der Diskussion äußern Zuschauer über genau diese Distanz ihr Befremden. Hätte ich sagen sollen, dass es an der Übersetzung lag? Von "Verdolmetschung" mag ich nicht sprechen, die Crux geht ja schon allein damit los, dass der Mann mehr als zwei Stunden allein in der Kabine saß.

Seine Übertragungen ins Französische waren umgangssprachlich und grob fehlerhaft. Aber auch ins Deutsche "übersetzte" er mit Schnitzer auf Schnitzer. Gerne sprach auch er französische Worte deutsch aus, aber anders als die Moderatorin im ersten Beispiel wohl deshalb, weil ihm die Übersetzung nicht so schnell einfiel. Also machen Journalisten "Akrobatien" (statt Klimmzüge), um der Zensur zu entgehen, da hat es die "Kreation" nicht leicht (statt das Kulturschaffen), einige haben einen "Traumatismus" (und kein Trauma), verfolgen "Objektive" (statt Ziele), operieren in als Erste-Hilfe-Stationen ausgebaute "Karawanen" (statt in Wohnwagen) ... Ja, das sind alles "Subtilitäten", wie der Betreffende übertragen hatte (statt feine Unterschiede), aber es kam noch dicker.

"Ich finde, dass Leuten der Prozess gemacht wird" war zu hören für le procès d'intention, was so viel wie "Unterstellung" heißt. Da die Kritikern der arabischen Regierungen wirklich oft juristischen Prozesse ausgesetzt sind, war die "Übertragung" höchst irreführend. Weiter im Text: "Das ist ein normaler Prozess" (c'est un procédé normal), Profis hätten hier "Vorgang" übersetzt. Oder: "Ich bin von sechs Richtern verfolgt worden", j'ai été poursuivi pour six chefs d'inculpation, richtig wäre gewesen: "Mir wurden sechs Anklagepunkte zur Last gelegt".

Zweifel
Wie eingangs gesagt, das ist alles gehört und erlitten in steuerfinanzierten, renommierten Kultureinrichtungen der Stadt. Ich bin inzwischen nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war, nach Berlin zu ziehen, aber es war doch nur "Familienzusammenführung".

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(*) C. E., merci beaucoup pour la petite phrase !
Text: "Françoise" (Diplom-Dolmetscherin)
Redaktion und Foto: Caroline Elias

1 Kommentar:

André hat gesagt…

Qualität kennt kein Alter....