Freitag, 24. März 2017

Heiratsschwindler und so

Hallo, bonjour, hello auf meinen Blog­seiten aus dem Le­ben einer Pro­fi­dol­met­scher­in (Französisch, Englisch). Hier schreibe ich seit zehn Jahren über die Ar­beitswelt der Sprachen. Ich arbeite in Berlin, Leipzig, Hamburg, Lyon, Pa­ris und dort, wo Sie mich brauchen.

Brautstrauß
Brautkleid bleibt Brautkleid und Brautstrauß ...
Aus der Treatmentübersetzung ei­nes Film­stoffs, nämliche Arbeit hat eine Produktionsfirma durch eine Prak­ti­kan­tin erledigen lassen. Da wurde flugs aus traiteur de mariage ein "Hei­rats­schwind­ler", klingt wie ein false friend, ein fal­scher Freund aus dem Englischen, denn der ... naja, fast lautgleiche the traitor ist der Verräter, auf Französisch heißt der Heiratsschwindler escroc au mariage.

Als wäre das nicht genug, heißt Hei­rats­schwind­ler auf Englisch con artist. Das geht ja nun mal gar nicht, diese Wörter gibt es beide  auch auf Französisch, nur würde sie jeder grund­sätz­lich an­ders­he­rum verwenden.

Un artiste con ist ein Künstler, der doof, stulle, blöd, idiotisch ist. Kann vor­kom­men, dumme Hackfressen gibt es in allen Bevölkerungsschichten und Grup­pen. Der zweite englische Begriff ist dann wieder für Deutsch-Muttersprachler gut zu mer­ken, heißt er doch the marriage swindler.

Merke: le mariage (ein R) — the marriage (zwei R)

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Foto: C.E.

Donnerstag, 23. März 2017

Anders gemeint

Konfuzius
Ob ge­plant oder zu­fäl­lig, Sie lesen hier auf den Sei­ten einer Sprach­ar­bei­ter­in. Was Dol­met­scher für Fran­zö­sisch (und Über­setzer) so machen, darüber berichte ich hier seit mehr als zehn Jahren. Und ab und zu fällt mir ein Zitat in die Hand.

 "Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte."

Konfuzius (551–479 v. Chr.),
chinesischer Philosoph
(Abbildung aus der Tang-Zeit)



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Illustration: Wikikommons

Mittwoch, 22. März 2017

Klinkenputzen

Hallo! Hier lesen Sie regelmäßig Neues aus der Dolmetscherkabine, vom Über­set­zer­schreib­tisch und aus der Welt der Idiome ... völlig subjektiv gefiltert von mir, einer Dolmetscherin und Übersetzerin für die französische Sprache (und aus dem Englischen). Aufgrund eines Groß­pro­jekts bin ich der­zeit nur per Mail er­reich­bar.

Bunte Lederschuhe aus Marokko
Schuhauswahl in Marrakesh
Shoe-leather approach fand ich in einem Text. Erst muss ich stutzen, das He­ran­nä­hern über das Schuh­leder? Centimeweise fällt der Gro­schen, es geht um den Weg der Kunden- und Mes­se­be­su­che, Teilnahme an Kongressen und Events als Teil des Pub­li­kums, um den Auftraggebern nä­her­zu­kom­men, kurz: Es geht schlicht und ein­fach darum "sich die Hacken ab­zu­lau­fen"!

Aber auch "Klinkenputzen" klingt nicht schön. In manchen Krisen gerne ge­nom­men wird das schicke substantivierte Verb "die Verkaufe", Beispielsatz: "Er hat eine gute Verkaufe!" ... auf solchen Unsinn möch­te ich eigentlich immer nur mit ei­ner dreckigen "La­che" antworten.

Hm, der Shoe-leather-Dingsbums soll ganz neutral wirken, habe ich mir sagen las­sen. "Marketinganstrengungen unternehmen" und derlei klingt immer nach Schweiß und der Pseudo-Wissenschaft, bei der mein kleiner großer Bruder immer Zustände be­kommt. Für mich ging es in meiner Zeit als "Marketing Manager" des mit­glie­der­stärks­ten deutschen Filmverbands, der AG DOK, in den Jahren 2000 bis 2008 immer um Kontakte, Informationen und um Im-Gespräch-Bleiben.

Berberische Adiletten (vorne spitz)
Wie ich das Ding auch nenne, davon muss ich demnächst mal wieder eine Runde ma­chen. Das berühmte Ak­quise­vor­feld ist schließlich wie das Wortfeld nur ein Acker, den es jedes Frühjahr zu be­ar­bei­ten gilt.

OK, der Vergleich hinkt, die Wort­fel­der sind irgendwie IM­MER dran, nicht nur im Früh­jahr.
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Foto: C.E. (les Adidas berbères etc.)

Dienstag, 21. März 2017

Kreuz und quer

Guten Tag oder guten Abend! Hier bloggt eine Berliner Spracharbeiterin. Ich ar­bei­te europaweit mit Arbeitsort Berlin. Derzeit bin ich aufgrund eines großen Pro­jekts am bes­ten per Mail er­reich­bar.

Dieser Tage, irgendwo in Europa. Es werden die Folgen trumpscher Politik be­spro­chen, die Lage in Europa und der Türkei, diverse anstehende Wahlen und was sol­che Entwicklungen für die Meinungsfreiheit aller sowie die Grundrechte von "Frau­en, Behinderten und anderen Minderheiten" bedeutet, wie der Schnack ge­mein­hin geht, ich meine also die Mehrheit der Bevölkerung plus die Zu­ge­zo­gen­en, sexuell divers Orientierten und andere potentiell diskriminierte Gruppen.

Es haben sich zusammengefunden: Sozialarbeiter, Vertreter karitativer Verbände, Gewerkschaftsjugend, NGO-Mitglieder aller Altersgruppen, Helfer, die mit Ge­flüch­te­ten arbeiten, Leute etlicher Vereine, die mit sexuellen Minderheiten arbeiten.

Vier Kabinen, die im Kongresszentrum dauerhaft installiert worden sind, bespielen hier nur sechs statt üblicherweise acht Dolmetscher, weil nicht ständig alle Spra­chen zu dolmetschen sind, viele im Publikum sind mehrsprachig, manche allerdings eindeutig einsprachig. Dieses Sprachjonglieren geht nur, weil einige Dolmetscher mehrere B-Sprachen haben, also aktive Sprachen, in die sie arbeiten.

Luxuskabinen
Das Dolmetschteam dieser Tage ist wun­der­bar ge­mischt, Nachwuchs mit einigen Be­rufs­jah­ren, Menschen, die gerade an einer wei­te­ren B-Sprache arbeiten (ich an der eng­li­schen Sprache, die bei mir der­zeit nur Ausgangssprache ist), drei Men­schen kurz vor Renteneintritt. So komme ich bei zwei Veranstaltungsteilen als Viert­äl­tes­te im Team auf ca. 60 % der ge­sam­ten Dol­metsch­zeit, was in Ordnung geht, dol­met­sche bilateral DE<>FR und immer dann, wenn Spanisch kommt, neh­me ich vom Englischen ab, weil die Französin, die Spanisch gerade noch hinzulernt, noch nicht so gut ist, und für die beteiligten Englisch­kol­le­gen spanisches Englisch ... naja, Spanisch ist.

Sorry, vermutlich habe ich Sie jetzt abgehängt. Für uns war das glasklar: Viele von uns haben mehrere Arbeitssprachen, können nach Bedarf also flexibler arbeiten. Für die Aufteilung haben wir im Vorfeld aber viel Hirnschmalz investiert, und un­se­re Koordinatorin noch viel mehr. Nach dem Nachdenken haben wir zusammen mit dem Techniker an manchen Dolmetschpulten die Einstellungen geändert. Wir ar­bei­ten mit Handzeichen quer durch durch Raum, wenn Spre­cher­wech­sel angezeigt ist; im Zweifelsfall fliegen SMS hin und her. Einsatzübergabe mit Text­nach­rich­ten hatte ich noch nicht.

Was in den Teilzeit-Solo-Kabinen allerdings fehlt ist die Zuarbeit der Kollegin/des Kollegen, denn wir schreiben füreinander ja immer Zahlen, Eigennamen und ggf. fehlende Begriffe auf. Aber ich schreibe selbst und bin online zur Recherche in den Pausen. Geht zur Not auch. Ohne mehrjährige Erfahrung wäre das allerdings nicht machbar.

Mein Stolz: Die Dame, die uns den Kabinen zugeteilt hat, in der DDR-Industrie wäre das jetzt die "Dispatcherin" gewesen, hat mich mit Muttersprache Französisch ein­ge­teilt. Sie ist selbst Französin. Macht mich natürlich stolz. Andere im Team sind mit zwei Muttersprachen aufgewachsen. Trotzdem muss ich an meinem Image ar­bei­ten, denn derzeit kommen nur Übersetzungen ins Französische rein, was na­tür­lich die Kolleginnen freut. Dolmetschend arbeiten wir Bi- und Multilateralen gerne mal kreuz und quer, siehe oben; schriftlich arbeiten wir in der Regel in unsere Mut­ter­spra­che, und die ist bei mir eindeutig Deutsch. In Brüssel, wo ich dieser Tage auch war, gilt diese Regel übrigens auch für Dolmetscher: Jede(r) nur in sei­ne/ihre Muttersprache.


Aktueller Lesehinweis zum Thema Computerlin­gu­is­tik, Mut­ter­spra­che und Ge­flüch­te­te: "Software, die an der Realität scheitern muss" (Autorin: Anna Biselli), DIE ZEIT vom 17.3.201.
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Foto: C.E.

Montag, 20. März 2017

Dauerunschärfe

Welcome, guten Tag, bonjour ... auf den Blogseiten, die in der Dol­­met­­scher­ka­bi­ne und am Übersetzerschreibtisch entstehen. Ich arbeite in den Bereichen Politik, Kultur, Wirt­schaft und Soziales. Meine Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch (Ausgangs- und Ziel­spra­che) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Nachtrag: Link der Woche.

Dolmetscher und Interviewerin
Im Morgenmagazin
Alexander Drechsel, ein Kol­le­ge, der in Brüssel arbeitet, wurde vom ZDF in­ter­viewt. Das Gespräch ist kurz und bündig und hier zu finden: klick!

Leider ist hier ständig von Übersetzern die Rede, dabei sind Dolmetscher ge­meint.

Es gebe ja in Brüssel viele Medienvertreter, meint darauf ein anderer Kollege, die auch nach jah­re­lan­ger Tätigkeit Institutionen wie Europarat, Europäischen Rat, Kommission, Par­la­ment etc. nicht auseinander halten könnten. Solche Menschen hätten es durch­aus schwer, gewisse Details und Unterschiede zwischen Berufen wie Dol­met­scher, Übersetzer, Fremdenführer und Synchronsprecher zu erfassen. Ich ergänze: Auch der Synchronübersetzer birgt seine Abgründe.

Andere Menschen mögen nach Optik entscheiden. Der Bäcker im Kiez des Zieh­soh­nes hielt mich lange für eine Flugbegleiterin (wegen der Klamotten und der Mehr­spra­chig­keit, so seine Erklärung). Indes, auch mancher "Arbeitsvermittler" in dieser Branche ist nicht wirklich qualifiziert bis verächtlich, unsereinem gegenüber. Eine Pariser Agenturfrau sprach immer von "Messemädels" (und behandelte uns auch wie kleine Mädchen). Aber neben Messehostessen und Stewardessen gibt es noch wei­te­re Zungenfertige, die in diesem Zusammenhang ins Bild rücken müssen.

Eine Berliner ArGENToUR wollte mich mal in ein südliches Land mit Fran­zö­sisch­do­mi­nanz entsenden als Dolmetscherin im Rahmen eines irgendwie gearteten Deals. Dann kam eine Pause. Dortselbst sei im Widerspruch zur im Land herrschenden Prü­de­rie üblich, derlei Erfolge durch menschliche Annäherungen zu feiern. Ob ich denn ... naja, prüde sei. Das ist zehn Jahre her, den Namen der "argen Tour" weiß ich noch immer. Kein von Dolmetschern oder Übersetzern geführtes Büro, sondern ein Makler, der eben auch Gebrauchtwagen hätte verticken können. Da war ihm die Handelsspanne wohl aber zu gering.

Und um es nochmal genau zu sagen: Wir brauchen keine branchenfremden Agen­tu­ren. Das Agenturprinzip ist ein Maklergeschäft. Frei­be­ruf­li­che Sprach­ar­bei­ter kön­nen sich als beratende Dolmetscher durchaus selbst um die Planung größerer Projekte kümmern.

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Foto: ZDF

Sonntag, 19. März 2017

Frauen in Rabat

Guten Tag oder guten Abend! Wie Dolmetscher für Französisch und Englisch leben und arbeiten, können Sie hier mitverfolgen. Ich arbeite für Menschen aus der Po­li­tik, Wirt­schaft und Kultur. Ge­ra­de bin ich zwei Wochen in Klausur, die zweite fängt gerade an, und nur per Mail erreichbar.

Neulich war ich mit einer politischen Delegation in Rabat. In Marokko ist Fran­zö­sisch weit verbreitet, vor allem in der Hauptstadt. Die Töchter und Mütter des Lan­des sind ein wunderschönes Fotothema.

 
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Fotos: C.E.

Freitag, 17. März 2017

Museum der Wörter 17

Hallo, hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich über­set­ze und dol­met­sche. Ar­beits­spra­chen: Fran­zö­sisch (aktiv und passiv) und Englisch (nur Aus­gangs­spra­che). Heute im Wörtermuseum: Gepäck oder Zoo?
            
                                A
ffe

   
"Affe" ist eine Art soldatisches Marschgepäck, das sonst "Tornister" hieß. Das Wort "Tornister" haben meine Großmütter, die beide zu Anfang des 20. Jahrhunderts geboren worden sind, auch verwendet, um den Schulranzen, die Schulmappe zu bezeichnen. Der "Affe" hat diese Ausweitung auf einen zivilen Lebensbereich nicht erfahren.

Manches Kind der Nachkriegszeit hat trotzdem einen Affen gehabt, der aber als un­be­quem gegolten hat und der zum Beispiel das Reiseutensil von Wandertagen war. Das Tragmöbel namens Affe sei fellbesetzt gewesen, erzählt mir ein älterer Kol­le­ge, vielleicht kommt daher der tierische Name?

Andere Kinder mussten sich beim CVJM in ihrer Funktion als Nachwuchs, Status "Pimpf" (!), mit einem Affen rumquälen. Der Affe wurde später durch den Rucksack ersetzt, der Schulranzen durch den Caddy.

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Idee: H.F. / Foto: C.E.


Donnerstag, 16. März 2017

Aufhübschen? Na klar!

Was Dol­met­scher und Über­setzer be­schäf­tigt und wie wir ar­bei­ten, da­rü­ber be­rich­te ich hier im zehn­ten Jahr, außerdem schreibe ich über die französische und deutsche Sprache, Englisch kommt am Rand auch vor. Schwerpunkt sind seltsame Kom­mu­ni­ka­tions­si­tua­tio­nen.

Dolmetschpult
Grün: Stand by, rot: "auf Sendung"
Der Moderator kündigt einen irritierten Professor an. Die Veranstaltung hat gerade die Arbeit wiederaufgenommen. Am Vormittag war der fran­zö­si­sche Gast noch nicht da, es kann sich sogar um einen Running gag der Ver­an­stal­tung handeln. Ich denke, dass das ein Ver­spre­cher ist und mache in der Ver­dol­met­schung einen "emeritierten" Professor draus.

Ein anderer Redner vermurkst ein Sprichwort, "Das schlägt dem Fass die Krone ab", wir übertragen die anderssprachige Entsprechung ohne Vermurksung oder wil­lent­li­cher Verballhornung.

Ein Redner setzt fünfmal an, führt dann einen Satzanfang weiter, nach dem ersten Stocken greifen wir zumindest die Gedanken in einer Art substantivierten Reihung auf, damit die fremdsprachigen Gäste den gleichen Wissensstand haben, wie die­je­nigen, die mit dem Redner die Sprache teilen.

Alltag in der Kabine. Keine Pointe.

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Foto: C.E.