Freitag, 14. Juli 2017

Auf dem Schreibtisch XXXXIII

Guten Tag oder guten Abend! Sie sind mit­ten in ein Ar­beits­ta­ge­buch hinein­ge­ra­ten, in dem sich al­les um Spra­che, Dol­met­schen, Über­setzen und Kult­uren dreht. Als frei­be­ruf­li­che Sprach­mitt­lerin ar­bei­te ich in Pa­ris, Berlin, Versailles, Potsdam und dort, wo man mich braucht. Heute wieder: Blick auf den Schreibtisch.

Noch ist bei mir kein echtes Sommerfeeling ausgebrochen, was auch am nass­küh­len Berliner Wetter liegt, das übrigens ein Grund mehr dafür ist, Auswärtstermine an­zu­neh­men. Ich bin gut wieder in Berlin gelandet. Was steht an?

Vor einem zugehängten Schaufenster sitzt eine junge Frau an einem Tisch auf der Straße
Sommerbüro (gesehen in Neukölln)
⊗ Die Rolle der Maschine im französischen Roman
⊗ Solarenergie im Maghreb (Nach­be­rei­tung)
⊗ Filmfi­nan­zie­rungs­ge­setz (Nachlese)
⊗ Startups in Berlin (Nachlese)
⊗ Burkina Faso (Überset­zungs­kor­rek­to­rat)
⊗ Naturnahe Tierzucht (Schwein)
⊗ Drehbuchübersetzung

Parallel dazu: Ein großer Buchhaltungsnachtrag und Terminpla­nung bis zum ersten Halb­­jahr 2018. Es sind schon Buchungen für den Frühsommer '18 da. Ich freue mich jetzt erstmal auf Sommer 2017 und meinen Ur­laub, den ich mit Be­­suchs­gäs­ten in Berlin verbringen werde. Wer be­ruflich viel reist, genießt das Zu­hau­se­blei­ben.

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Foto: C.E. (Archiv)

Donnerstag, 13. Juli 2017

Mehr Platz!

Über das Leben in Dolmetscherkabinen berichte ich hier seit 2007. Ne­ben­schau­platz ist der Schreibtisch, auch wenn wir hier mehr Zeit zubringen als in der Box selbst, aber eben ohne Zuschauer. Neben dem Dolmetschen übersetzen viele Kol­le­gin­nen und Kol­legen. Auch das ist ebenso Gegenstand dieses Blogs wie sprach­li­che oder kul­tu­rel­le Besonderheiten "meiner" Länder.

Köpfe in der Kabine
Katja Riemann in einem Film von 2011
Über die Arbeit von Dol­met­schern be­rich­ten Me­dien und Kunst eher selten. Wenn doch, oft mit groben Fehlern. Die absichtlichen Falsch­über­set­zun­gen in Marias' "Mein Herz so weiß" sind nicht mög­lich. Anderes ist bemüht, in der Umsetzung in­kon­se­quent bis entstellend, siehe die Kritik "Dolmetscher im Film".

Vor lauter Monitoren kaum noch Tisch übrig
Später auf dem Monitor: Die Vorderseiten der Redner
Eine andere Frage sind Dol­met­scher und Medien. In den Kabinen nut­zen wir Rech­ner; immer öf­ter stellt man uns Mo­ni­to­re hinein; Pro­gram­me, Le­bens­läu­fe, Prä­sen­ta­tio­nen vom Kunden sowie unsere ei­ge­nen Vokabellisten führen un­wei­ger­lich zu Sta­pel­bil­dung auf den ohnehin schon klei­nen Tischchen. Viel Auf­wand da­für, dass wir mit Wör­tern jong­lie­ren können.

Auf weitere Jonglage hat kaum ein(r) Lust. Leistungsstarke Geräte sind allerdings nicht wegzudenken. Konferenzen nutzen gerne Videos, manche Vortragende liefern ihre Prä­sen­ta­tio­nen in letzter Minute ab, wechseln aus Anschauungsgründen plötz­lich das Thema. (Eben ging es noch um die Übersetzbarkeit von Lyrik, auf ein­mal taucht das Wort "Ehe­gat­ten­split­ting" auf.)

Gedrängel in der Kabine
Nicht selten verkürzen wir die Mit­tags­pau­se, weil wieder eine Rednerin/ein Redner sich nicht an die zu lasch kommunizierten Abgabetermine gehalten hat. Ohne Rech­ner und Technik wäre das undenkbar. Äl­te­re Dolmetschpulte stehen in der Mitte, das Mikro ist am Kopfhörer; neuere Ge­rä­te gibt's in zweifacher Ausführung mit ei­ge­nem Mi­kro­fon. Das ist praktisch, kostet aber weiter Platz. Ein Wasserglas muss ja auch noch irgendwo hin.

Das Tagungsprogramm kleben wir uns ger­ne auf die Innenseite der Scheibe. Sonst gibt es wenig Ausbaufläche. Die logische Konsequenz lautet: Die Tech­nik muss kleiner werden.

Mehr Platz durch Mini-Rechner
Sieht schon besser aus
Da ich die Hersteller von Pulten leider nicht be­ein­flus­sen kann, probiere ich es mal mit meinem Rechner. Die Firma mit dem angebissenen Obst als Logo stellt leider keinen echten Minirechner her, son­dern bietet zu einem zu groß aus­ge­fal­le­nen Taschentelefon eine aus­ge­wach­se­ne Tastatur an. Das Modell habe ich gerade im Testversuch. In der Kabine überzeugt es mich, auch wenn einiges enorm stört: Ich weiß noch nicht, wie ich Dokumente in Dossiers ab­spei­chern kann, auch kann ich sie nicht nach Downloaddatum sortieren, sondern muss sie aufwändig umbenennen und mit einer Kennziffer beginnen lassen, damit sie übersichtlich werden.
Und "intuitiv" ist hier rein gar nichts.

Ich bin nutze schon mein ganzes Konferenzdolmetscherinnenleben Geräte dieser Marke und habe den Eindruck, wieder von vorne anzufangen.

Auch das Abspeichern und Weitersenden von Dateien scheint nur über die "Cloud" möglich. Ich hoffe, dass es Zusatzapps gibt, um das "Abspeichern im Netz" zu um­ge­hen. DAS ist total ungeeignet für den Kabinenbetrieb, in dem wir oft mit sen­si­blen Da­ten hantieren. Der Technikhersteller bekommt von mir in Sachen Da­ten­si­cher­heit und Übertragbarkeit bestehender Kenntnisse eine glatte Sechs. Und für Ge­rä­te mit einem "Fair Trade"-Siegel und modernisierbaren Komponenten würde ich gerne Prozentsätze im unteren zweistelligen Bereich mehr zahlen.

Aber das sind schon zwei andere Themen.

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Fotos: C.E.

Freitag, 7. Juli 2017

POV: Relais

Bonjour, hello und guten Tag! Wie Dolmetscherinnen arbeiten, können Sie hier mitlesen. Ich dolmetsche bilateral Deutsch-Französisch und aus dem Englischen. Heute: POV, der subjektive Blick plus schneller Erklärung, Technikmix bei einer Arbeitssitzung. 

Menschen im Gespräch, im Hintergrund Dolmetschkabinen
Im Bildhintergrund seitlich die Kabinen
Relais, englisch Relay, heißt in meiner Branche, dass ich mir den Ton von Kollegen schnappe zum Arbeiten. Ein Beispiel aus dem Ge­werk­schafts­kon­text: Eine Ar­beits­grup­pe nutzt die in­stal­lier­ten Kabinen für Spanisch und Eng­lisch­; wir hingegen, das Duo für Französisch, haben auf der Bühne hinter den Red­ne­rin­nen und Rednern Platz ge­nom­men.
Technik auf Notizpapier
Empfangs- und Sendegerät nebeneinander

Alles, was gesagt wird, flüs­tern wir ins Mikro. Unsere Kundin bekommt die Worte simultan auf den Kopfhörer gesendet. Wenn sie das Wort ergreift, dol­met­schen wir kon­se­ku­tiv, also in Pausen hin­ein, die sie uns dan­kens­wer­ter Weise einräumt.

Dazu nutzen wir die so­ge­nann­te No­ti­zen­tech­nik als Ge­dächt­nis­stüt­ze.

Spricht jemand auf der Bühne oder im Publikum Spanisch oder unverständliches Englisch, haben wir selbst Kopfhörer auf, jene, die zu den Kabinen im Bild­hin­ter­grund gehören, und nutzen das Elaborat der Kolleginnen und Kollegen als Aus­gangs­spra­che.

Hier müssen alle sehr akkurat arbeiten, damit kein Stille Post-Effekt entsteht.

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Fotos: C.E.

Donnerstag, 6. Juli 2017

Vintage und so

Bonjour und hallo! Hier bloggt ei­ne Sprach­ar­bei­te­rin. Ich übersetze und dol­met­sche (Französisch und aus dem Englischen). Wie wohnen wir, wie leben wir? Ich schaue mich in Neukölln um und der Berliner Avantgarde auf die Schnauze.

Heute treib' ich's bunt
Vintage heißt das neue Mo­de­wort, der gebrauchte Schick alter Zeiten, der aber der Moder­ne entspingt. Er ist von Shabby Shic zu un­ter­schei­den. Vintage ist die Arm­band­uhr, Shabby Chic mein Kü­chen­buf­fet, das noch seinen Originalanstrich aus den 1950-er Jahren aufweist (weiß) und das mit aus­la­den­den Formen eines Stream­li­ners über­zeugt. (Das ist aber nur so, weil ich mich für keine Farbe ent­schei­den kann und im Haus immer an­de­re Sachen drin­gen­der zu ändern sind.)

Neulich hab ich die Farbauswahl sogar geträumt. Die Malerarbeiten müssen jetzt auf das Ende der verlängerten Dolmetschsaison warten.

Eine schicke Küche gehört bei vielen Menschen durchaus zu den Dis­tink­tions­merk­ma­len. In den Wohnungen, die ich mit meinen Privatkunden besichtige, hier geht es um Re­lo­ca­tion oder Erstbezug in Berlin im Fall von Geflüchteten, fallen die ab­ge­rock­ten Kaufhausküchen negativ auf, für die eine nicht erklärbar hohe Ab­lö­se­sum­me zu zahlen ist.

Bei mir muss die Küche vor allem meinen Gewohnheiten entsprechen, gemütlich und einfach zugleich sein. Die neue avantgardistische, wertkonservative ge­sell­schaft­li­che Mit­te der Postmaterialisten erkennt einander eher Selbstbauküchen oder an Armbanduhren vom Flohmarkt für sieben Euro, die für sieben Euro fuffzig einen neuen Verschluss bekommen, damit das elend lange Ge­nes­te­le mor­gens am unpassenden Karabiner ein Ende hat, als an der 2000- oder 200.000-Euro-Uhr, an der sich jene erkennen, die das offenbar schwer nötig haben. Ein solch' teures Stück würde schon deshalb nicht zu meinen Gewohnheiten passen, da ich Protz hasse. Ich bin achtsam, aber nicht panisch — und schnell muss es gehen mit den nicht so wichtigen Sachen. Mehr Zeit fürs Wesentliche! Und eine Uhr für das Dolmetschen der Veranstaltungen, bei denen Handy und Laptop verboten sind, muss Low tech sein.

Früher hießen Vintageobjekte einfach "Flohmarktsachen" oder "Trödel". In Berlin wurde Vintage Mode, weil immer mehr Menschen ihre Bedürfnisse aus öko­no­mi­schen, ökologischen oder praktischen Gründen auf Parallelmärkten decken. Ich habe seit 20 Jahren meine Wohnung in Neukölln (wenn ich nicht in Frankreich bin); der hier oft aufzufindende Chic leitet sich direkt von des frü­he­ren Bürgermeisters Wowereits Dictum "Arm, aber sexy" ab. Und nein, das ist nicht mein "Statement am Handgelenk", um Werbedeutsch zu zitieren. Ökonomisch betrachtet die Rest­nut­zungs­dau­er­ver­län­ge­rung schlafenden Kapitals. Mein Vater ist stolz auf mich.

Wahrscheinlich in der DDR hergestellt, dann im westlichen Versandkatalog angeboten
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Foto/Collage: C.E.

Dienstag, 4. Juli 2017

Kundenpost

Herzlich willkommen auf den Sei­ten des ersten deut­schen Web­logs aus dem In­ne­ren der Dol­met­scher­ka­bi­ne. Hier schreibt ei­ne Fran­zö­sisch­dol­metscherin über ihre Einsätze in Ber­lin, Paris, Cannes und anderswo. Heute: Post!

Ein Ohr schirmt Umgebungsgeräusche ab
Typische Handbewegung
Gerade ist es hier auf den Blog­seit­en mal wieder etwas ruhiger. Mal schauen, was sich nachtragen lässt, was über­haupt sinnvoll ist.

Denn es gibt durchaus die Mög­lich­keit, als Sprach­ar­bei­te­rin in Zeitnot zu geraten. In den letzten Wochen und Mo­na­ten habe ich wie immer meine Angebote geschrie­ben ... aber anstatt dass wie üb­lich un­ge­fähr die Hälfte klappt, habe ich diesen Früh­ling nur Zusagen ge­ern­tet! Was mich natürlich freut.

So darf ich mal ein Managerleben testen. Das mit Spracharbeit nicht wirklich kom­bi­nier­bar ist. Naja, kurzfristig schon.

Sehr gefreut hat mich gerade die Mail einer Kundin: ... ich möchte mich ganz herz­lich für Ihren tollen Dol­metsch­er­ein­satz zum Thema ... bedanken. Leider konnte ich nicht per­sön­lich dabei sein, aber ... [die Teilnehmer haben] mir berichtet, dass die Zu­sam­men­ar­beit ausgesprochen nett und unkompliziert war und Sie eine her­vor­ra­gen­de Dol­met­sche­rin sind. Auch für die spontane Bereitschaft, den Be­such der Mo­schee zu be­glei­ten, danke ich Ihnen. Ich hoffe, dass es auch für Sie eine in­te­res­san­te Arbeit war und ich auch in Zukunft wieder auf Sie zukommen darf.

Thank you! It was a pleasure!

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Foto: C. Heyken

Sonntag, 2. Juli 2017

Die Wochenlage

Hier bloggt eine Übersetzerin und Dolmetscherin. Französisch und Englisch sind meine Arbeitssprachen. Wohin steuert die Welt? Mir ist nicht nach einem Wort zum Sonntag zumute.

Nasse Blätter
Es war sehr feucht in Berlin
Als ich Hinter­grund­material für die nächste Kon­ferenz lese, muss abends um sechs damit auf­hö­ren, damit ich nachts schlafen kann.

Jean Zieglers Satz, dass die reichen Länder die Kinder der ärms­ten Länder töten, ist zwar hart, aber leider richtig. Er fordert im tagesschau.de-Interview: "Schafft die G20-Treffen ab!"

Die zentralen Probleme lassen sich auch per Textvorlagen und Unterschriften klä­ren, denn sie müssten unter Einsatz gesunden Menschenverstands unstrittig sein. Dringend beendet gehört der Börsenhandel mit und das Wetten auf die Preise von Lebensmitteln, zumal und besonders in Zeiten, in denen ganze Landstriche im­mer heißer und trockener werden. Auch andere Lebensgrundlagen dürfen nicht in pri­va­te Hand, und der Wohnungssektor braucht einen starken öffentlichen, ge­mein­nüt­zi­gen Counterpart. Solche Entscheidungen könnten, wenn sie erst gefällt sind, im Umlaufverfahren unterzeichnet werden.

Unsere Repräsentanten, also Menschen, die wir zur Führung der Amtsgeschäfte frei­ge­stellt haben, haben Angst vor uns und vor dem abstrakt (und manch­mal lei­der sehr konkret) Bösen. Daher mauert man sich hochgerüstet ein. "Wie Hamburg zur Rüstungsmesse wird" schreibt prompt das Manager Magazin. Jetzt hab' ich's ka­piert. Das Event ist eine Roadshow für die Waffen- und High-Tech-Schmie­den! Die Kosten des ganzen Spektakels sollen, Hamburger Quellen zufolge, bei um die 200 Mio. Euro liegen. Vergleich: Die Elbphilharmonie war für 800 Millionen Euro zu haben.

Das Geld wäre anderswo besser investiert. Ich plädiere europaweit für Mu­sik­schu­len mit großartigen Angeboten in allen Wohnvierteln, besonders in den Armen- und Mittelschichtquartieren, mit Einzel- und Gruppenunterrichten. Denn die einen kön­nen es sich nicht leisten und bei den anderen fällt das als erstes weg. DAS wäre sinnvoll! Denn Kinder und Jugendliche lernen hier, dass sie durch regelmäßiges, konzentriertes Arbeiten weiterkommen, sie lernen aber auch, sich zu vergleichen und Ansporn durch die Besten aufzugreifen, sie lernen Frustrationstoleranz und Selbstregulierung, Verantwortung und im Zusammenspiel das Eingehen auf andere ... und das brauchen alle.

Das brauchen jene Deklassierten, die großspurig tun um ihr Nichtwissen zu kom­pen­sie­ren, die das Gefühl haben, chancen- und wertlos zu sein, die aufgrund ihrer negativen Erfah­rungen der beste Nähr­boden für alle Formen von -ismen sind, die die perversen Rattenfänger für sie bereithalten. Das brauchen jene, denen die ei­ge­nen Übereltern jedes Problem aus dem Weg räumen, die über­behütet sind und grundlos verwöhnt, und zwar aus verdammt ähnlichen Gründen.

Ziegler fordert stattdessen, die UN zu stärken und Eilmaßnahme für die ärms­ten Staaten einzuleiten. Denn der Gedanke ist schon ein wenig absurd, dass genau jene Staaten, die für die zentralen Probleme der Natur, Gesell­schaften und Wirt­schaft verantwortlich sind, jetzt im gemein­samen Gespräch den Willen und die Wege für ihre Lösung finden sollen.

Rote Gummistiefel, blaue Jacke, gelb(-grüne) Fassade
Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue
Wobei die Analyse der Probleme und ihre Diskussionen ohnehin oft schon auf Wis­sen­schaft­ler- und Staatssekretärsebene zusammen mit den Be­trof­fe­nen statt­fin­den. Als Dolmetscherin weiß ich etwas davon. Warum habe ich nur so oft das Gefühl, in den Vorlagen der Re­prä­sen­tan­ten an der Spitze davon fast nichts wie­der­zu­fin­den?

Was war noch diese Woche? Griechenland wird von der Ex-"Troika" dazu genötigt, seine Wasser- und Gasversorgung zu pri­va­ti­sie­ren. Ich muss daran denken, dass die überwiegende Mehr­heit der Be­völ­ke­rung Europas dagegen ist, Institutionen der Daseinsfürsorge Ak­tio­nä­ren zu verkaufen.

(Paris und Berlin waren diesen Weg im Bereich Wasser schon gegangen und haben mit großen Verlusten für die Bürger rekommunalisiert.) Und ich denke daran, dass die Vertreter der "Troika" überwiegend nicht aus Wahlen hervorgegangen sind, also nicht de­mo­kra­tisch legitimiert sind.

Und waren es nicht Vorläufertreffen des G20, zum Beispiel das Treffen der Fin­anz­mi­nis­ter 1999, das (auch) zur Deregulierung der Finanzmärkte und zu den letzten Crashs geführt hat? Langsam schwant jedenfalls der Frau und dem Mann von der Straße, was es mit Zockerbörsen, Vergiftung unserer Lebensgrundlagen und Kli­ma­wan­del auf sich hat. Starkregen wie diese Woche in Berlin, wo die Menge eines Vierteljahrs binnen 24 Stunden runterkommt, kann niemand mehr übersehen.

Und nein, hier helfen keine Ideologien und politischen Lager, es ist das Gebot der Menschlichkeit, hier genau hinzusehen. Doch ein Wort zum Sonntag geworden.

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Fotos: C.E.

Sonntag, 25. Juni 2017

Babüs

Was eine Französischdolmetscherin so alles erlebt, können Sie hier mitlesen. Ich arbeite mit den Sprachen Französisch und Englisch. Meine Fachgebiete sind Politik und Wirtschaft, Medien/Kino, Kultur, Soziales, Ökologie und Architektur mit dem Schwerpunkt Innenarchitektur. Sonntage sind manchmal Arbeitstage: Sonn­tags­fo­to!
 
Gerade komme ich vom "Nowköllner Flowmarkt" zurück, das war mein kleiner Aus­flug vor die Haustür an einem Arbeitssonntag.

Kette, Buch, Armbanduhr
Die Anker-Armbanduhr stammt wahrscheinlich aus der DDR
Ich weiß nicht, was die Briten (und andere Englisch-Mut­ter­sprachler) eigentlich davon hal­ten, dass wir Globish-Spre­che­rin­nen und Sprecher ihr schönes Idiom so oft ver­hun­zen. Oder ergänzen und ver­schlimm­bes­sern. Mail­in­halt von letzter Woche: "Bitte bringen Sie ­ei­ne Arm­band­uhr mit. Han­dies müssen am Ein­gang des Sit­zungsraums ab­ge­ge­ben wer­den."

OK, falsches englisches Wort, richtig ins englische Plural gesetzt. Seit der Recht­schreib­"reform" wird ja der Plural von Baby "auf Deutsch" so gebüldet: "Babys". Ein mir sehr lieber Mensch sagte mal, dass man das jetzt "Babüs" aus­spre­chen soll­te als Zeichen des Protests.

Ich hatte keine funktionierende Armbanduhr mehr. Dortselbst fand ich eine. Und noch eine Bernsteinkette. Und ein Pflanzengeschenk für einen Freund. Und das Buch "Berlin '77 — Das Jahr im Rückspiegel" aus der verschwunden Stadt West­ber­lin. Ihr dürft mich jetzt Konsumistin schimpfen.

Und weiter geht's mit dem Pauken. Nein, es geht nicht an den See, nicht mit dem Holzfahrrad meines Kissenlieferanten Cocomat ins Berliner Umland und auch nicht aufs wunderbare Galerienwochenende "48 Stunden Neukölln". Dieses Mal nicht. Die Tage der offenen Tür im Humboldtforum verpasse ich ebenso wie die Führung (auf Französisch) durchs Hansa-Viertel.

Soviel zum Thema "Freiberuflichkeit". Keine Klagen, nur eine Feststellung. Weiter mit "Ultra-modernité et fondamentalismes : un cercle vicieux ?" aus dem Collège des Bernardins. Ultra-Modernität und Fundamentalismen: ein Teufelskreis?" Und die nächsten Englischstunden folgen in acht Tagen.

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Foto: C.E.

Freitag, 23. Juni 2017

Papierstau im Kopf (alias Schreibtisch XXXXII)

Hallo, herzlich willkommen auf den Seiten des ersten Blogs Deutschlands aus dem Inneren der Dolmetscherkabine. Heute: Blick auf den Schreibtisch.

Berlin als Rückzugsraum für Bienen
Aus einer Mail an einen Film­pro­du­zenten: "An der Politik bin ich manchmal zu nah dran. Da geht es nicht immer erkennbar voran. Deshalb freu ich mich über jeden Filmjob: Kunst! Und erwäge manchmal, ins Schreiben zu­rück­zu­keh­ren (nicht nur von Kinderbüchern). Ich bin der­ma­ßen up to date … und täglich droht der Pa­pier­stau im Kopf."

Was liegt gerade auf dem Schreibtisch? Große Vielfalt: Ver­kehrs­lo­gis­tik in Europa, Deradikalisierung, urbanes Landwirtschaften, artengerechte Schwein­ezucht, Af­ri­ka­po­li­tik des G20, Burkina Faso; in weiter Ferne winkt ein Dreh­buch.

Ich lese mal ein wenig meine Presseclippings mit den Händen auf der Tastatur.

Coralie Schaub macht sich heute in Libération Sorgen um die Bienen. Auch der (an­ste­hende? wie weit sind die?) Deal mit Bayer und Monsanto treibt sie um. Den an­de­ren großen Riese der Branche, die Schweizer Syngenta, hat ChemChi­na gerade aufgekauft. Diese Konzentrationen sind keine guten Vorzeichen.

Einschub: Denn Firmen, die sich der „Verbesserung der Nahrungssicherheit“ ver­schrei­ben (Syngenta-Eigenwerbung), trachten immer mehr danach, die Märkte zu do­mi­nie­ren. Sie ignorieren aus Gewinnerzielungsabsichten die biologischen Grund­la­gen, die uns in der 5. Klasse beigebracht wurden: Pflanzen reagieren auf ihren Standort. Bodenbeschaffenheit, Licht, Wärme, Nachbarschaft, Dünger, Häufigkeit der Wässerung sind die wesentlichen Faktoren. Hybridsaatgut widerspricht grund­le­gend dem Ge­dan­ken, dass sich Pflanzen über Generationen an ihren Stand­ort an­pas­sen. Dabei sind wir Menschen selbst doch der Beweis für die Funktionsweise der Natur. Außerdem ignoriert diese Chemie zuverlässig so ziemlich alles andere, was zum Aufrechterhalten einer gesunden Umwelt und der Si­cher­stel­lung der Er­näh­rung der Menschheit wichtig ist: Pflanzen- und Artenvielfalt. Ende des Einschubs.

In Libération fordert die Journalistin, dass die Menschheit endlich auf die Wis­sen­schaft hören solle und Neonikotinoide genauso verbieten wie Glyphosat (die ak­ti­ve Substanz in Mosantos RoundUp). Die Behörde für europäische Nah­rungs­mit­tel­si­cher­heit (EFSA) habe längst neue Verfahrensprozesse der Risikofolgenabschätzung eingebracht, die allerdings noch nicht in die Politik eingegangen seien. Am wich­tigs­ten sei es aber, sich von der industriellen Landwirtschaft wegzuentwickeln. Agroökologie werde von immer mehr Fachleuten, darunter auch der frühere Mi­nis­ter Stéphane Le Foll, als der einzige Ausweg aus dem Dilemma von Arten- und Bie­nen­ster­ben, Grundwasserverschmutzung, sterbenden Böden und Erosion gesehen.

In Frankreich habe sich dieser Tage die Umweltverschmutzung in Verbindung mit der ersten großen Hitzewelle des sommers als „tödlicher Cocktail für die Bienen“ erwiesen, so Henri Clément, Sprecher des französischen Bienenzüchterverbands Union nationale de l’apiculture française (Unaf). Der durchschnittliche Verlust der Bienenvölker liege derzeit bei 30 Prozent, es gebe in einigen Regionen Zahlen von 50 bis 80 Prozent. Das Phänomen Bienensterben dauere bereits einige Jahre an. Noch nie hätten Imker in Frankreich so wenig Honig geerntet wie im vergangenen Jahr, 9.000 Tonnen. Zum Vergleich: Frankreich war bis 1995 das wichtigste Bie­nen­land Europas und lag bei einer Jahersproduktion von 32 bis 33.000 Tonnen.

Der Klimawandel bringe nicht nur neue Feinde ins Land wie die Hornissenart Vespa velutina (frelon asiatique), sondern verkürze signifikant den Winter. Darauf spät einsetzende Frosttage bis Wochen (dieses Jahr bis April/Mai) gefährdeten dann die Bienen. Zunehmender Nordwind würde die Blumen austrocknen, die große Hitze die Blüten verbrennen, was schlimme Folgen zeitigte. Insgesamt sei seit 2003/04 die Phase der Blumenblüte stark verkürzt. Die anderen südlichen An­rai­ner­staaten des Mittelmeeres stünden vor den gleichen Problemen.

Soviel zum Thema aus der französischen Tageszeitung Libération. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) schlägt in eine ähnliche Kerbe. "Auf Feldern stirbt die Natur aus" titelt Teresa Dapp auf der SVZ.de-Seite am 20. Juni. Das Bundesamt be­ob­ach­te, dass ganze Biotope verschwinden und die Populationen der Insekten und Vögel ra­pi­de abnehmen würden, die industrielle Landwirtschaft mit ihren bis auf die letzte Ecke ausgereizten Monokulturen würde ihnen Lebensraum und Futter neh­men. Nur ein Beispiel: Von den beobachteten 560 Wildbienenarten seien mehr als 40 Prozent gefährdet. Auch die EU-Förderungen stünden derzeit nicht für Di­ver­si­tät. Fazit: Eine Agrarwende müsse Tiere und Umwelt retten. Die Präsidentin des Bundesamts, Beate Jessel: "Statt weiter auf die ex­port­orien­tie­rte Land­wirt­schaft zu setzen, brauchen wir eine bäuerlich-ökologische Agrarwende — weg vom Welt­markt, wieder hin zum Wochenmarkt.“

Die Dolmetscherin kommentiert: Bei den Vorbereitungstreffen zum G20, Sektion Afrika, Bevölkerungszuwachs, Lebensmittelsicherheit und die Schaffung regionaler Arbeitsplätze, war das nahezu wortgleich das Résumé der Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer.

In meinem Übersetzer-/Dolmetscherbüro informiert mich wenig später eine Mail, dass eine Million Unterschriften in Europa für das Verbot von Glyphosat zu­sam­men­ge­kom­men sind. Zitat: "Noch nie hat eine Europäische Bürgerinitiative (EBI) in­ner­halb von vier Monaten die Million geknackt!" Das klingt gut! 

In Berlin gibt es viele Rückzugsgebiete für Arten, aber auch hier sind die Ver­än­de­run­gen augenfällig. Als wir vor 20 Jahren hier hergezogen waren, hatten wir mal vergessen, die Balkontür zu schließen und dann Licht angemacht. Nach zehn Mi­nu­ten war der Raum voller Getier (nee, die frisch gemalerten Wände). Damals gab es noch wunderliche Riesenlibellen in der Stadt. Heute kann ich stundenlang bei of­fe­ner Balkontür sitzen und nichts passiert. Nichts. Diesen Sommer gibt's sogar kaum Mücken. (Dass ich darüber mal klagen würde!)

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Foto: C.E.